Warschau - Das polnische Außenministerium stellt über die Internetseiten der Botschaften ein Buch mit Aufsätzen zum Holocaust zur Verfügung - und stößt damit auf heftige Kritik bei rechtskonservativen Historikern und Medien. "Die Regierung wirbt im Ausland für ein Buch, das ein Stereotyp der Polen als Antisemiten und Kollaborateure bestätigt", schrieb die Zeitung "Rzeczpospolita" am Dienstag. Auch Diplomaten melden Vorbehalte an.

Das ins Englische übersetzte Buch "Inferno of Choices. Poles and the Holocaust" liefert neben zahlreichen historischen Dokumenten über die Vernichtung der Juden im besetzten Polen Beiträge prominenter Historiker, darunter von Andrzej Zbikowski, Professor für Osteuropa-Studien an der Universität Warschau, und von Jan Grabowski, Geschichtsprofessor an der University of Ottawa. Im Zentrum steht dabei die Frage, inwieweit Polen den Holocaust unterstützte oder von ihm profitierte.

"Dieses Buch schadet unserem Image"

"Dieses Buch schadet unserem Image", zitierte die "Rzeczpospolita" einen namentlich nicht genannten polnischen Botschafter in einem EU-Land. Einige Vertretungen hätten die Veröffentlichung deshalb hinausgezögert. Konservative Historiker bestreiten zwar nicht die in den Aufsätzen dargestellten Sachverhalte, halten sie jedoch ohne entsprechenden Kontext für irreführend. "Nicht nur denjenigen drohte die Todesstrafe, die Juden versteckten, sondern auch denjenigen, die davon wussten und die Retter nicht denunzierten", so der Historiker Bogdan Musial. Nach Ansicht von Piotr Gontarczyk vom "Institut für das nationale Gedenken" (IPN) behandeln die meisten der veröffentlichten Texte "marginale Fragen der Kollaboration". Dies vermittle den falschen Eindruck, als sei dies "die dominierende Haltung der Polen damals" gewesen.

Das polnische Außenministerium hält dagegen, das Buch erläutere die Bedingungen, unter denen die deutschen Besatzer den Holocaust in Polen organisierten. Es erweitere so das historische Wissen über Polen im Ausland, so der Ministeriumssprecher Marcin Bosacki zu Journalisten.

Die Diskussion in Polen um die Haltung der einheimischen Bevölkerung zum Holocaust, über Kollaborateure und Antisemitismus, kam in den vergangenen Jahren durch die Bücher des US-amerikanischen Historikers Jan Tomasz Gross in Gang. In seinem jüngsten, ebenfalls heftig umstrittenen, Buch "Goldene Ernte" beschrieb Gross polnische Profiteure der Judenverfolgung und -vernichtung. (APA, 7.8.2012)