Wien - Der erwartete Protest ist nicht ausgeblieben: Nachdem aufgrund einer gendergerechten Auswertungsmethode beim Aufnahmetest für das Medizinstudium an der Medizin-Uni Wien erstmals mehr Frauen als Männer einen Studienplatz zugeteilt bekamen, sind bisher gut 100 Beschwerden bei der dortigen HochschülerInnenschaft (ÖH) eingetrudelt. Der Vorsitzende Christian Orasche rechnet damit, dass einige der Gescheiterten den Instanzenzug bis zum Verfassungsgerichtshof (VfGH) gehen werden.

Neuer Test bereits nächstes Jahr

Auswirkungen auf die diesjährige Platzvergabe wird das laut Orasche aber kaum haben: Bis zu einem Urteil können Jahre vergehen und ab kommendem Jahr soll es ohnehin eine neue Form des Tests geben. Das könnte bedeuten, dass jemandem zwar vom VfGH bestätigt wird, dass er zu Unrecht keinen Platz erhalten hat, er allerdings trotzdem nachträglich keinen Studienplatz bekommt, weil es bereits ein neues Aufnahmeverfahren gibt.

Begründung des aktuellen Verfahrens

Die nach Geschlechtern getrennte Auswertung der Ergebnisse an der Medizin-Uni Wien kann dazu führen, dass Frauen trotz identer Punktezahl einen höheren Testwert als Männer aufweisen - und deshalb einen Studienplatz bekommen. Hintergrund der von Vizerektorin Karin Gutierrez-Lobos eingeführten Neuregelung: Bisher hatten sich stets mehr Frauen als Männer beworben, der Anteil an zum Studium zugelassenen Frauen lag aber deutlich darunter. Heuer waren die Werte mit 56 Prozent erstmals etwa gleich.

Geringere Geschlechtsunterschiede bei NachbarInnen

Tatsächlich hat eine Evaluation des EMS-Tests durch ein Team um Bildungspsychologin Christiane Spiel von der Uni Wien 2007 ergeben, dass eine Reihe von Aufgaben bei Frauen und Männern nur eingeschränkt dasselbe messen und Frauen auch durch den Testmodus (Tests unter Zeitdruck, Multiple-Choice etc.) benachteiligt sein könnten. Hauptursache dürfte allerdings die unterschiedliche Benotung von Mädchen und Burschen in den Schulen sein - was auch erklärt, wieso die Geschlechtsunterschiede in Deutschland und der Schweiz wesentlich geringer sind.

"Extremer Unmut"

Was laut Gutierrez-Lobos "Testfairness" garantieren soll, ist laut Orasche eine "überstürzte politische Entscheidung". Zwar sei auch die ÖH der Medizin-Uni Wien für einen gendergerechten Aufnahmetest, die unterschiedlichen Ergebnisse von Frauen und Männern seien jedoch vor allem im Schulsystem zu suchen, so Orasche. Nachdem es künftig ohnehin einen gemeinsamen Test an allen drei Medizin-Unis geben soll, verstehe er nicht, wieso das Rektorat entgegen dem Wunsch des Sensats die gendergerechte Auswertung eingesetzt habe. "Da hat für extremen Unmut gesorgt, weil dabei eine idente Leistung unterschiedlich bewertet wird."

Die ÖH will nun auf politischen und medialen Druck setzen - nicht nur angesichts des langen Instanzenzugs, sondern auch, weil noch nicht einmal klar ist, ob die ÖH Beschwerdeführer überhaupt finanziell unterstützen darf. Immerhin handelt es sich dabei nicht um Studenten, sondern Maturanten. Auf jeden Fall werde man Betroffenen mit Rat zur Seite stehen, betont Orasche. (APA, 7.8.2012)