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Polarisiert noch 50 Jahre nach seinem Tod: Hermann Hesse.

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Wien - Warum schreiben Sie? Es ist die von Schriftstellern wohl meistgehasste Frage, welche Die Welt Hermann Hesse anlässlich seines 85. Geburtstag stellte. Hesses Antwort: "Weil man nicht den ganzen Tag malen kann." Einen Monat später, am 9. August 1962, starb der Autor in Montagnola im schweizerischen Tessin, wo er die letzten Jahrzehnte zurückgezogen gelebt hatte.

Damals war das Anwesen des "Alten vom Berge" längst ein in Reiseführern vermerktes Ausflugsziel. Schulklassen lärmten ums Haus, Schaulustige verschafften sich Zutritt zum Gelände, um einen Blick auf den Autor zu erhaschen. Andere hinterließen auf dem "Bitte keine Besucher"-Schild am Gartentor Nachrichten wie "Du kannst mich mal."

Hesse, der den Tod in seinen letzten Lebensjahren als Ausgang aus seiner " kleinen Privathölle" herbeigesehnt und schon 1919 einen Selbstmordversuch unternommen hatte, polarisierte schon damals. Er tut es, nachdem er Ende der 1960er-Jahre von Hippies als Eso-Onkel, Mal- und Gartenbruder sowie Vertreter eines radikalen Individualismus gefeiert wurde, auch heute noch.

Es gibt wenige Autoren, die es 50 Jahre nach ihrem Tod auf das Spiegel -Cover schaffen - mit ausgestrecktem Mittelfinger. An die 400.000 Exemplare seiner Romane und Erzählungen gehen jährlich in den deutschsprachigen Ländern nach wie vor über den Ladentisch. Dabei deutete zunächst wenig darauf hin, dass Hesse sein früh gefasstes Ziel, Schriftsteller zu werden, erreichen würde.

Am 2. Juli 1877 in einen Pietistenhaushalt im Nordschwarzwald hineingeborenen, rebellierte Hermann früh gegen die rigide Religiosität seiner Eltern. Seine Schulzeit wurde zu einer einzigen Katastrophe. Hermann rebellierte im Knabenseminar, büxte aus, kaufte einen Revolver, um sich umzubringen, wurde eingefangen und in eine Nervenheilanstalt eingewiesen. Es sollte nicht das einzige Mal bleiben.

"Ich gehorche nicht und werde nicht gehorchen!", schrieb der Autor den Eltern aus der Psychiatrie. Das Abitur machte er, der sich sein stupendes Wissen (auch um die Weltreligionen) autodidaktisch erwarb, ebenso wenig wie er eine Buchhändlerlehre oder ein Praktikum in einer Turmuhrfabrik abschloss. Sein erster Gedichtband erschien dann 1896.

"Deutsche Innerlichkeit"

50 Jahre später, Hesse war gerade mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet worden, saß der Autor wieder einmal zwischen allen Stühlen. So meinte Gottfried Benn: "Hesse. Kleiner Mann. Deutsche Innerlichkeit, der es schon kolossal vorkommt, wenn irgendwo ein Ehebruch erlitten oder gestartet wird", und der Literaturwissenschafter Ernst Robert Curtius bezeichnete Hesses Sprachbehandlung als " schülerhaft". Dazu hatte sich der Autor für manche im Zweiten Weltkrieg zu wenig am publizistischen Widerstand gegen die Nazis engagiert. Andere nahmen es ihm übel, dass er sich in der vermeintlich neutralen Schweiz, wo er seit 1912 lebte, als Außenseiter stilisierte und weder zu den Mitläufern unter den Künstlern noch zu den Emigranten gehören wollte.

Viele fanden es zudem seltsam, dass einer, während seine alte Heimat zerbombt wurde, in der Schweiz mit dem Glasperlenspiel (1943) eine Art Science-Fiction-Roman erscheinen ließ, der eine vom Jahr 2300 aus erzählte romantische Kunstreligion entwirft. Wobei es in dem Buch auch um den Verzicht der "Glasperlenspieler" auf Machtausübung und somit um eine Dimension der Eigenverantwortung geht, die dem Autor dauerhafter als das "Tausendjährige Reich" erschien.

In den USA, wo man einen "leichten Geruch nach metaphysischen Lederhosen" wahrzunehmen glaubte, war die Rezeption nicht günstiger. Wohl auch, weil Hesse früh schon gegen den Kapitalismus amerikanischer Ausprägung geschrieben hatte.

"Zwischen Marx und mir ist, abgesehen von den viel größeren Dimensionen von Marx, der Unterschied der: Marx will die Welt ändern, ich aber den einzelnen Menschen. Er wendet sich an die Massen, ich an Individuen", schrieb Hesse einem Leser.

Kleine Schriften

Zu diesem Zeitpunkt allerdings betrachtete Hesse sein Werk längst als abgeschlossen. Das Glasperlenspiel, in dem wie in vielen seiner Romane die Schule eine Rolle spielt, war für ihn die Summa seiner Bücher - und sein Vermächtnis. Bis zu seinem Tod wird er nur noch kleine Schriften und Briefe publizieren.

3000 Aquarelle, 12.000 Seiten literarisches Werk und 44.000 Briefe hat Hesse trotz eines schweren Augenleidens, dauernder Kopfschmerzen und ökonomischer Probleme (zweimal verlor er all sein Vermögen) geschaffen.

"Die meisten Menschen wollen nicht eher schwimmen, als bis sie es können. (...) Und natürlich wollen sie nicht denken; sie sind ja fürs Leben geschaffen, nicht fürs Denken", heißt es im Steppenwolf, und vielleicht machen gerade diese Widersprüche den nachhaltigen Erfolg Hesses, wenn nicht erklär-, doch nachvollziehbar.

Kunst, Skepsis und Glaube

Die Motive der Selbstwerdung und des Doppelgängers ziehen sich wie rote Fäden durch das Werk des Autors: Hermann Heilner und Hans Giebenrath in Unterm Rad (1906), Max Demian und Emil Sinclair in Demian (1919), Siddharta und Govinda in Siddharta (1922), die Doppelpersönlichkeit Harry Haller im Steppenwolf (1927), der strenge Rationalist Narziß und der Sinnenmensch Goldmund im gleichnamigen Roman (1930).

Hesse versuchte schreibend eine Synthese von innen und außen, Tradition und Utopie, Leben und Kunst, Skepsis und Glaube, von Sinnlichkeit und Weltabgeschiedenheit zu erreichen.

Es ist diese erfolglose Suche nach der Amalgamierung von Gegensätzen, von der Hesses Werk - auch - spricht. Vielleicht wird er deswegen gern in der Pubertät gelesen, einer Lebensphase, in der man sich zum ersten Mal zwischen Sicherheit und Freiheit, zwischen Eigen- und Gemeinsinn zu entscheiden hat.

Hier liegt eventuell der Grund, warum sich manche später, wenn sie sich entschieden haben, so ungern an ihre jugendlichen Hesse-Lektüren erinnern. Die Zerrissenheit und die Suche nach sich selbst mögen mit fortschreitendem Alter an Dringlichkeit verlieren, doch es bleibt die Frage nach dem Mut, die eigene Autonomie auch da zu leben, wo sie mit Irrtum und Scheitern einhergeht. Hesse stellte sich ihr ein Leben lang.

Anlässlich des 50. Todestag Hesses sind mit Heimo Schwilks Hermann Hesse. Das Leben des Glasperlenspielers (Piper) und Gunnar Deckers Hermann Hesse. Der Wanderer und sein Schatten (Hanser) neue Biografien erschienen. (Stefan Gmünder, DER STANDARD, 8.8.2012)