Pjöngjang/Tokio - Medien und Beobachter sind ganz aufgeregt: Jede Nachricht, die aus Nordkorea nach außen dringt, wird auf Zeichen für Reformen abgeklopft, seit der 29-jährige Kim Jong-un Ende 2011 nach dem Tod seines Vaters Kim Jong-il die Macht angetreten hat. Und die jüngsten Fundstücke von Anfang August passen zur These, dass sich in Nordkorea tatsächlich etwas bewegt.

So berichtete die japanische Zeitung Nikkei unter Berufung auf "Quellen mit Verbindung zur nordkoreanischen Führung", dass Kim das berüchtigte Büro 39 aufgelöst hat. Das von Kims Vater Kim Jong-il seit Ende der 1970er Jahre aufgebaute Amt war vor allem für die Devisenbeschaffung zuständig. Dabei ging es wenig zimperlich vor. Drogenhandel und Falschgeldherstellung sollen zu den wichtigsten Geschäftszweigen des Büros gezählt haben.

Begriff der "Reform" taucht auf

Außerdem soll Kim Junior eine Neuordnung der Armee angeordnet haben, um die Macht der Partei zu stärken und die der Militärs zu schwächen. Der jüngste Austausch des obersten Generals ist demnach Teil dieser Machtverschiebung.

Die Nordkorea-Beobachter von Daily NK wollen erfahren haben, dass Kim unter dem Stichwort "6.28 Politik" eine neue Landwirtschaftspolitik plant. In der Propaganda tauche sogar der Begriff "Reform" auf, der bisher kaum benutzt worden sei.

Auch Kims Treffen mit dem für Nordkorea zuständigen Vertreter Chinas Wang Jiarui vergangene Woche schien in die gleiche Kerbe zu schlagen. " Die Wirtschaft entwickeln und den Wohlstand verbessern, sodass das koreanische Volk ein glückliches Leben führen kann, ist das Ziel, auf das die koreanische Arbeiterpartei hinarbeitet", sagte Kim laut der Nachrichtenagentur Xinhua.

Und schon springt die mediale Spekulationsmaschine an. Will er vielleicht eine Öffnungspolitik wie in China? Und ist er nicht wirklich anders sein Vater? Der war unnahbar, ließ keine Details seines Privatlebens nach außen dringen. Doch Kim junior gibt sich jovial und menschlich. Er hat sogar bekanntgegeben, dass er verheiratet ist und ein Kind hat.

Vietnam als Vorbild

Mag sein, dass dies Vorboten von Reformen sind. Aber es gibt gute Gründe, skeptisch zu bleiben und nicht auf eine weitgehende Öffnung des Landes zu hoffen. Die Uno schrieb noch im Mai in einem Bericht, dass "es keine Anzeichen dafür gibt, dass die Regierung langfristige Strukturreformen durchführen wird, die notwendig wären, um Wirtschaftswachstum zu fördern". Und selbst Reformoptimisten glauben, dass Kim sich nicht China zum Vorbild wählen würde, sondern Vietnam, wo die Kontrolle des Staats größer ist als im Reich der Mitte.

Eine andere Erklärung für die Bewegung im Regime wird gerne übersehen. Der neue Führer zeigt, wer der Chef ist. Er wirft daher die Gefolgsleute seines Vaters raus und besetzt Schlüsselpositionen mit seinen eigenen Leuten. Vielleicht findet in Nordkorea nur ein Eliten- und Generationenwechsel mit politischen Machtverschiebungen statt, aber keine große Reformpolitik. (Martin Kölling/DER STANDARD Printausgabe, 8.8.2012)