Wenn man den bisherigen Verlauf der Beschneidungsdebatte in Österreich analysiert, so lässt sich ein eindeutiger Trend ablesen: Sie wird zunehmend von Medizinern bestimmt und beherrscht. Das verwundert nicht weiter, war es doch seit 200 Jahren nicht anders.

Dass Ärzte bisher trotzdem kein Verbot der religiösen Zirkumzision erwirken konnten, mag als eine "Tradition des Scheiterns" ausgelegt werden. Und wie so manch andere (auch religiöse) Tradition scheint diese mit Inbrunst gepflegt zu werden.

Überraschenderweise haben sich die Argumente, die von den heutigen Medizinern gegen die Beschneidung vorgebracht werden, über Jahrzehnte hinweg kaum verändert. Die ärztlichen Stellungnahmen scheinen zu einem Ritus erstarrt zu sein, der, wie es bei einer (auch religiösen) Zeremonie zuweilen der Fall ist, mit einer gewissen Obsession durchgeführt wird.

Etwaige Folgen, die daraus resultieren können, bleiben unbeachtet, wie auch Fragen, die sich in diesem Zusammenhang aufdrängen. Was bedeutet beispielsweise die Äußerung eines Linzer Sexualwissenschafters, dass nach einer Beschneidung "das sexuelle Erleben von Männern ... empfindlich gestört" sei, für unsere Gesellschaft, in der fast nur Juden und Moslems beschnitten sind? Wie darf man sich das Liebesleben von Juden und Moslems vorstellen? Ist das alte, nicht zuletzt von den Nationalsozialisten bemühte Stereotyp vom "perversen Juden" doch nicht ganz falsch? Kann es wirklich sein, so könnte aus der Stellungnahme weiters gefolgert werden, dass der überwiegende Teil der Amerikaner wie auch viele Asiaten Probleme beim Koitus haben?

Die Mediziner belassen es aber nicht bei dieser etwas irritierenden, jedenfalls erklärungsbedürftigen Wortmeldung. In gewissem Maße originell klingt auch die Vizepräsidentin des österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie, die in ihrer Argumentation gegen die Beschneidung auf Sigmund Freud verweist. Und wiederum drängen sich Fragen auf: Meint sie, dass einem gesetzlichen Verbot der religiösen Beschneidung - und somit der Erschwerung, vielleicht sogar Verunmöglichung einer jüdischen Existenz in Österreich - ein Anflug von Antisemitismus genommen werden könne, wenn man sich auf den Juden Freud beruft? Soll man ein solches Gesetz gar damit begründen, dass Juden und Moslems von ihrer Kastrationsangst befreit werden? Auch wenn das alles vielleicht polemisch klingen mag: Aber worin sonst ist das Motiv ihrer Aussage zu finden? Um bei Freuds Überlegungen zu Genitalien und Psyche zu bleiben: Sollte in diesem Zusammenhang nicht auch gleich darüber gesprochen werden, wie Frauen von ihrem vermeintlichen "Penisneid" kuriert werden können?

Man muss sich nicht unbedingt der Meinung von Ariel Muzicant anschließen, der mit seinem unsäglichen Vergleich eines Beschneidungsverbotes mit der Shoah für viel Verwunderung gesorgt hat. Aber er hat zumindest auf einen Punkt aufmerksam gemacht: Dass die Beschneidung ganz zentral für die jüdische (und auch muslimische) Identität ist. Und das nicht unbedingt aus religiösen Gründen. Viele, vielleicht die meisten Juden pflegen den Ritus nicht, weil sie Sorge haben, andernfalls nicht dem Bund mit Gott anzugehören.

Die Durchführung der Beschneidung ist aber der vielleicht wichtigste Weg, dem Jüdisch-Sein Ausdruck zu verleihen. Es gibt deren sicherlich noch andere; aber sie verlieren immer mehr an Relevanz, werden im Alltag zunehmend vernachlässigt.

Das muss nicht unbedingt problematisch sein, kann in einer säkularen Gesellschaft auch gutgeheißen werden. Allerdings, und das ist die Krux dabei, gibt es eine an Dynamik gewinnende Tendenz, das Jüdisch-Sein nicht mehr im Rituell-Performativen zu verorten, sondern es im Körper zu lokalisieren. Ob sie durch Entscheidungen der religiösen Hierarchie in Israel, wie Jüdisch-Sein zu bestimmen sei, vorangetrieben wird, oder durch genetische Studien, die in einer zunehmenden Anzahl publiziert werden und deren Autoren sich auch immer nachhaltiger mit der Frage, was jüdische Identität ausmache, beschäftigen: Der Bekenntnisakt, wie er beispielhaft in der Beschneidung vorliegt, verliert jedenfalls an Bedeutung, und eine "Biologisierung" des Jüdisch-Seins stößt auf zunehmende Resonanz. Vor diesem Hintergrund erscheint die Zirkumzision eigentlich sehr "sympathisch".

Aber vielleicht sehen Ärzte in der Verankerung des Jüdisch-Seins im Körper ein neues Betätigungsfeld und wollen deswegen über die Auswirkungen ihrer Stellungnahmen nicht reflektieren? (Klaus Hödl, DER STANDARD, 1.8.2012)