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Foto: Reuters/Sana

In Jordanien, der ersten Station seiner Flucht, kommunizierte er nur über seinen Sprecher. Der persönliche Auftritt des abgesprungenen syrischen Premiers Riyad Hijab findet wohl in Katar statt, dem Wahlort auch anderer syrischer Regimeflüchtlinge. Der syrische Aufstand ist eben auch ein Projekt des kleinen reichen wahhabitische Golfemirats, das eng mit der Free Syrian Army (FSA) zusammenarbeitet: Die FSA hat Hijab und seine Familie - er hat vier Kinder, es werden aber wohl auch noch weitere Verwandte bei ihm sein - aus Syrien herausgeschmuggelt. Ab der Grenze ist Katar für ihn zuständig.

Hijab, ein Sunnit, stammt aus Dar al-Zor im Nordosten Syriens, ganz wie der ebenfalls abgesprungene ehemalige syrische Botschafter im Irak, Nawaz al-Fares. Allerdings kommen die beiden aus verschiedenen Stämmen und waren einander nie grün: Fares galt sogar als möglicher Innenminister - bis Hijab Premier wurde. Jetzt sitzen sie beide in Doha und müssen sich wohl oder übel vertragen.

Die Flucht Hijabs wird die Lage am Boden, besonders im derzeit geschundenen Aleppo, nicht sofort ändern, ist aber ein weiterer Beweis für den hohen Grad an Infiltration im innersten Machtzirkel rund um Bashar al-Assad. Zwar ist der Posten des Premiers, den Hijab erst im Juni übernahm, politisch irrelevant. Aber Assad hätte den 56-Jährigen nicht hingesetzt, wenn er ihm nicht absolut vertraut hätte.

Ob die syrische Opposition den Lobeshymnen glaubt, die ihr Hijab nach seiner Flucht sang, sei dahingestellt: Als er zum Premier ernannt wurde, hieß es, er sei als Gouverneur von Latakia 2011 auch für Repression und Gewalt verantwortlich gewesen. Andere sagen jedoch, Hijab habe immer eine Verhandlungslösung favorisiert. Eine Videoaufnahme von 2011 zeigt ihn in einem Viertel Latakias im Gespräch mit Demonstranten, denen er gut zuredet und Verbesserungen verspricht. Aber die Sicherheitskräfte kamen, kaum dass Hijab weg war.

Sicher ist, dass die Karriere des promovierten Agrarwissenschafters erst richtig abhob, nachdem er 1998 der Baath-Partei beigetreten war. Zuerst diente er seiner Partei in Dar al-Zor, danach wurde er Gouverneur von Quneitra, später von Latakia und zuletzt Landwirtschaftsminister, bevor er von Assad zum Premier bestellt wurde. Er galt als Mann mit besten Beziehungen zum Sicherheits-Establishment - ein Grund dafür, dass er sich bis in die Nähe von Bashars Bruder Maher vorarbeiten konnte. (Gudrun Harrer/DER STANDARD Printausgabe, 8.8.2012)