Wien - Dass der mittlerweile 20 Jahre alte Thomas W. seinen Ne benbuhler ermordet hat, steht schon vor der Geschworenenverhandlung am Wiener Landesgericht unter dem Vorsitz von Beate Matschnig fest. Aber der Oberste Gerichtshof hat das Strafmaß des ersten Urteils, 20 Jahre Haft und die anschließende Einweisung in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher, aufgehoben. Denn Thomas W. möchte ein psychisch gesunder Mörder sein und nicht als weiter gefährlich gelten.

Matschnig weiht die Laienrichter zunächst ein, was am 1. Mai 2011 passiert ist. Beziehungsweise davor. Mit 17 Jahren lernte er Sabi ne P. kennen und lieben. Die war damals 13. Er sei ihr hörig gewesen, sagt der schmächtige Angeklagte. Aber auch, dass sie ihn dazu gebracht habe, dass er sie schlägt.

Ein Jahr später zog er in ihre elterliche Wohnung ein, die Gewalt hörte nicht auf. Im Frühjahr 2011 machte sie Schluss, fand einen neuen Freund. Der sie auch am 1. Mai besuchte, was W. zufällig sah.

Er ging nach Hause, kleidete sich in Schwarz, nahm seine Gaspistole und wartete vor Sabines Haus stundenlang, bis der Nebenbuhler kam. Als der zu seinem Auto ging, zwang W. ihn, einzusteigen und in eine abgelegene Gegend zu fahren. Wo er ihn schließlich tötete. Auf fast unglaubliche Art.

"Tiefer Vernichtungsaffekt"

Zunächst schlug er ihm mit dem Pistolengriff auf den Kopf, bis er niederfiel. Dann würgte er ihn. Dann schoss er ihm aus 20 Zentimetern ins Gesicht. Dann trat er ihm gegen den Kopf. Dann nahm er einen schweren Stein und ließ ihn aus einem Meter auf den Kopf des Opfers fallen. Als der junge Mann noch immer lebte, zog er ihn zum Donaukanal und drückte ihn unter Wasser. Der erste Versuch misslang, nach weiteren zehn Minuten war es zu Ende.

Warum das geschah und ob es wieder geschehen kann, versucht die Sachverständige Gabriele Wör götter mit ihrem Gutachten zu erklären. Und kommt zu dem Ergebnis, dass er eigentlich seine Geschwister töten wollte. Denn zum "mütterlichen Primärobjekt", also seiner Mutter, habe er zu wenig Bindung gehabt. Die hat fünf Kinder und auch Pflegekinder - Thomas fühlte sich zurückgesetzt, vor allem, als er nicht mehr das Nesthäkchen war. Sabine war demnach ein Mutterersatz. Als auch diese Bindung zerbrach, sei der "tiefe Vernichtungsaffekt" durchgebrochen, den er wegen seiner unreifen Persönlichkeit nicht kon trollieren konnte.

Auf Nachfragen von Verteidiger Michael Sruc zeigt sich jedoch auch die allgemeine Schwierigkeit psychiatrischer Gutachten. Denn obgleich Wörgötter ebenso von einer künftigen Gefährlichkeit ausgeht, kann sie den Schluss ihres Kollegen im ersten Verfahren, dass W. klassisch geisteskrank sei, nicht bestätigen. Auch da kein standardisiertes Testverfahren die subjektive psychiatrische Beurteilung ersetzen kann.

Das Gericht folgt ihrer Einschätzung - es bleibt, nicht rechtskräftig, bei 20 Jahren und Einweisung. (Michael Möseneder, DER STANDARD, 9.8.2012)