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Grossmann: "Ich halte nichts von Bildungsprovinzialismus"

Foto: APA/Leodolter

"Ich wäre durchaus bereit, Kompetenzen abzugeben. Das ist ein absoluter Tabubruch, wenn man sich die Mentalität von Landespolitikern anschaut." Elisabeth Grossmann, SPÖ-Landesrätin für Jugend, Familie und Bildung in der Steiermark, regt im Interview mit derStandard.at an, das Bildungswesen zu vereinheitlichen und die Kompetenzen für die Kindergärten von Landesebene auf Bundesebene zu verschieben. "Wir müssen schauen, was das Beste für die Kinder und Jugendlichen in ganz Österreich ist. Das soll nicht an Kompetenz-Hürden scheitern."

Warum ElemantarpädagogInnen auf tertiärem Niveau ausgebildet werden sollten und wieso sich junge Männer nur selten für den Beruf entscheiden, sagt sie zu Rosa Winkler-Hermaden.

derStandard.at: Sie sehen Reformbedarf bei der Strukturierung und Organisation der Kindergärten. Wo soll man ansetzen?

Grossmann: Wir brauchen eine generelle Bildungsreform. Das elementare Bildungswesen gehört auch in das gesamte Bildungswesen integriert. Das fängt schon bei der Ausbildung der Pädagoginnen und Pädagogen an. Es wäre höchst an der Zeit, dass eine einheitliche Struktur geschaffen wird, idealerweise auf tertiärem Niveau. Wir sind eines der wenigen Länder in Europa, das ElementarpädagogInnen nicht tertiär ausbildet. Bei uns beginnt die Ausbildung auch schon vergleichsweise früh. Das schafft auch große Probleme bei der Personalrekrutierung.

derStandard.at: Was für Nachteile schafft die frühe Ausbildung?

Grossmann: Meistens sind es Mädchen, die die Bakips (Bundesbildungsanstalt für Kindergartenpädagogik, Anm.) besuchen. Sie nehmen sie als Maturaführende Schule, ergreifen dann aber nicht den Beruf, sondern studieren an der Uni weiter. Psychologie oder Erziehungswissenschaften sind hier sehr begehrt. Die Bakip-Absolventen gehen dann im Beruf ab.

Mit der früh angelegten Ausbildung schaffen wir es auch nicht, verstärkt an Männer heranzukommen. Wir bräuchten dringend mehr männliches Personal. Ein Bursche im Alter von 14, 15, der so mitten in der Definition der Geschlechterrolle steht, kann sich aber nur sehr schwer dazu durchringen zu sagen: ich werde Kindergartenpädagoge.

Wir müssen schauen, dass wir keine geschlechtsspezifischen Segregationen vornehmen. Auch wenn sie formell abgeschafft sind, haben wir Burschen- und Mädchenschulen in Österreich und das ist nicht mehr zeitgemäß. Die technischen Schulen sind von Burschen besucht und die sozialen, pädagogischen Ausbildungsschienen von Mädchen. Da müssen wir uns was einfallen lassen, dass wir zu einer geschlechtermäßigen Durchmischung kommen.

derStandard.at: Später sagen die Burschen eher ja zu pädagogischen Berufen?

Grossmann: Ja, durch die jetzige Ausbildungsstruktur geht sehr viel an Potenzial verloren. Es ist dringend geboten, die Ausbildung zu reformieren und sie auch mit der Ausbildung der Lehrer und Lehrerinnen im Allgemeinen Schulwesen zu verschränken. Wir müssen eine Gesamtstruktur mit wechselseitigen Übertrittsmöglichkeiten schaffen. Man soll nach einer gewissen Zeit sagen können: ich war einige Jahre in der Schule tätig, jetzt möchte ich aber gerne in einen Kindergarten gehen. Das Berufsbild soll breiter werden. 

derStandard.at: Das bedeutet, die Bakip abzuschaffen und Elementarpädagogik an der Uni studieren?

Grossmann: Man könnte sich überlegen, die Ausbildung auch regional anzubieten, also Pädagogische Ausbildungsstätten auf tertiärem Niveau auch in den Bundesländern zu schaffen.

derStandard.at: Das ist ein heißes Eisen. Momentan wird ja diskutiert, wo die Lehrer-Ausbildung stattfinden soll, an der PH oder an der Uni. Was denken Sie?

Grossmann: In diese Diskussion will ich mich nicht einmischen. Die Diskussion sollte sich auch nicht darauf beschränken. Wenn man schon über eine neue Strukturierung nachdenkt, dann sollte sich das nicht auf Machterhaltungsüberlegungen beschränken. Pädagogische Beweggründe sollten im Mittelpunkt stehen und auch die Elementarpädagogik miteinbezogen werden.

derStandard.at: Die Kindergärten sind derzeit Ländersache. Wenn Sie eine Reform bei den Kindergärten fordern, geht das auch damit einher, dass Sie Kompetenzen an den Bund abgeben würden?

Grossmann: Das wäre eine Konsequenz daraus, auch eine durchaus wünschenswerte, wenn es ein gutes Gesamtkonzept gibt. Ich halte nichts von Bildungsprovinzialismus. Wir müssen schauen, was das Beste für die Kinder und Jugendlichen in ganz Österreich ist. Das soll nicht an Kompetenz-Hürden scheitern. Wir haben jetzt auch schon den Bildungsrahmenplan für die Kindergärten definiert, dieser Prozess wurde sehr stark von der Steiermark betrieben. Der Bildungsrahmenplan regelt die pädagogischen Richtlinien, dient als Orientierungshilfe für die Pädagoginnen und Pädagogen. Es ist kein starrer Lehrplan und wird gut angenommen.

Der Bildungsrahmenplan kann aber nur dann Österreichweit umgesetzt werden, wenn es gleiche oder ähnliche Rahmenbedingungen gibt. Die variieren aber von Bundesland zu Bundesland. Wir haben in der Steiermark zum Beispiel hohe Standards mit großzügigen Vorbereitungszeiten für die Pädagogen. Andere Bundesländer haben das nicht, da und dort aber dafür vielleicht eine bessere Entlohnung. Auf jeden Fall sind die Systeme in Österreich derzeit nicht vergleichbar.

derStandard.at: Normalerweise sind die Länder nicht dafür bekannt, Kompetenzen abzugeben.

Grossmann: Ich wäre durchaus bereit, Kompetenzen abzugeben. Das ist ein absoluter Tabubruch, wenn man sich die Mentalität von Landespolitikern anschaut. Wenn es ein sinnvolles ganzes Konzept gibt, das auch mit einer finanziellen Verantwortungsübernahme einhergeht, warum nicht?

Derzeit ist es oft so, dass Familienminister Mitterlehner österreichweit Vorschreibungen macht, aber die finanzielle Verantwortung dann fast ausschließlich die Länder und Gemeinden tragen. Hier muss es eine größere finanzielle Verantwortung des Bundes geben. Die kleinen Anschubfinanzierungen sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Damit wird man nicht das Auslangen finden. (Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 16.8.2012)