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Zwei Polizisten bewachen die Kopien des Abschlussberichts jener Kommission, die im Auftrag von Norwegens Regierung die Arbeit der Behörden bei den Attentaten von Anders Breivik untersuchte.

Foto: Reuters

Oslo - Ein von der norwegischen Regierung in Auftrag gegebener Untersuchungsbericht zu den Attentaten von Anders Breivik erhebt erstmals offiziell schwere Vorwürfe gegen den norwegischen Sicherheitsapparat. "Die Behörden haben dabei versagt, die Menschen auf Utöya zu beschützen. Eine schnellere Polizeiaktion wäre völlig realistisch gewesen", heißt es in der Zusammenfassung.

Auch der Geheimdienst habe versagt: Die vielen Spuren, die Breivik etwa beim Bau seiner Bombe hinterlassen hatte, hätten es durchaus realistisch gemacht, dass der norwegische Geheimdienst die Tat vereitelt, so die Untersuchungskommission. "Mit einem breiteren Arbeitsfokus wäre der PST (Norwegens Geheimdienst, Anm.) bereits vor dem 22. 7. dem Täter auf die Spur gekommen", heißt es.

Acht Minuten nach Utöya

Insgesamt bestätigte der langerwartete Untersuchungsbericht einen Großteil der bereits in den Medien geäußerten Kritik an den Sicherheitskräften. In Norwegen erregt vor allem die Tatsache Unmut, das Breivik eine Stunde lang auf Utöya morden konnte, ohne auf Gegenwehr zu stoßen.

Acht Minuten Flugzeit braucht ein Polizeihelikopter theoretisch von Oslo zu der Insel. Praktisch vergingen über 60 Minuten zwischen den ersten bei der Rettungszentrale anfänglich nicht ernst genommenen Notrufen und der Ergreifung des Täters. Eine erste mit Schusswaffen und kugelsicheren Westen ausgestattete Polizeieinheit traute sich nicht auf die Insel und wartete gemäß ihrer Anweisung die Verstärkung aus dem eine knappe Autostunde entfernten Oslo ab.

Wenn es um die unmittelbare Rettung von Menschen gehe, sollten sich Einsatzkräfte im Zweifelsfall über solche Befehle hinwegsetzen, heißt es in dem Bericht. Dass kein Helikopter zur Verfügung stand, lag daran, dass Polizeipiloten im Juli stets geschlossen im Urlaub sind. Im Chaos bat dann auch niemand das Militär oder ein Krankenhaus um einen ihrer Hubschrauber.

Reformen gefordert

Die Kommission kritisierte, dass man bei den norwegischen Sicherheitskräften eigentlich auf Terroranschläge, die parallel und koordiniert verübt werden, vorbereitet hätte sein müssen. Dementsprechend forderte sie weitgehende Reformen bei Polizei und den anderen Sicherheitskräften.

Selbst ein Jahr nach dem Attentat hat die norwegische Polizei nicht genug Piloten, um 24 Stunden am Tag auf einen Helikopter zurückgreifen zu können, kritisierte Knut Hareide, Vorsitzender der Kommission. Zwar habe man nun einen weiteren Hubschrauber angemietet, aber weil es so wenig Hubschrauberpiloten gebe, gebe es noch immer keine ständige Einsatzbereitschaft.

Kritik gab es auch an den Prüfern: Der Öffentlichkeit präsentiert wurde nur eine kurze Zusammenfassung des Berichts, der Großteil wurde als " geheim" eingestuft und bleibt 60 Jahre unter Verschluss. (André Anwar/DER STANDARD Printausgabe, 14.8.2012)