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Der schwedische Fan reist ganz gerne zu Sportevents, setzt sich ein lustiges Hauberl auf und lässt sich sein Gesicht bemalen. Dafür kriegt er von schwedischen Sportlern oft etwas geboten.

Foto: Reuters/Pfaffenbach

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Die Handballer (hier gegen Frankreich) bieten besonders viel. Weil auch ihr Sport in Schweden eine Breite hat.

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Stockholm/Wien - Die Statistik spricht manchmal eine deutliche Sprache: Während es Österreich in der ewigen Medaillenstatistik der Olympischen Sommerspiele auf 89 Medaillen bringt, haben schwedische Athletinnen und Athleten seit 1896 nicht weniger als 483 mal Gold, Silber oder Bronze erkämpft. Das ist bei einer nur geringfügig größeren Bevölkerung mehr als das Fünffache. Die Spiele in London verliefen mit achtmal Edelmetall (1 Gold, 4 Silber, 3 Bronze) nicht übermäßig erfolgreich. Aber allerweil.

Sportministerin Lena Adelsohn Liljeroth führt die stabile Erfolgsbilanz auf eine seit dem 19. Jahrhundert kontinuierlich gewachsene Volksbewegung zurück. "Ländervergleiche sind immer schwierig, aber Schweden hat eine starke und unabhängige Sportbewegung. Sie stützt sich auf breites ideelles Engagement ohne direkte Lenkung durch die Politik", beschreibt die in erster Linie als Kulturministerin fungierende Ressortchefin das Erfolgsgeheimnis ihres Landes. "Der Sport ist in Schweden eine Art Volksbewegung", sagt Adelsohn Liljeroth. Die Ministerin bezieht sich dabei unter anderem auf die Ende des 19. Jahrhunderts begonnene Tradition örtlicher Turn- und Sportvereine. Hier dominieren typische Sommersportarten wie Rudern, Radfahren, Leichtathletik oder Schwimmen.

Heute ist Sport, beziehungsweise Bewegung ("motion") ein ganz selbstverständlicher Teil des schwedischen Alltags in Kindergarten, Schule, Universität, Berufsfreizeit und auch in der Altenpflege. Dies gilt für alle Bevölkerungsschichten. Ein wesentlicher Teil der Bewusstseinsbildung findet neben den Vereinen in Schulen und Gymnasien statt, wo Sport und Gesundheit als Kernfach unterrichtet wird.

Am Sonntag holten die Handballer Schwedens letzte Medaille in London, sie glänzte Silber nach einem 21:22 im Finale gegen Frankreich. Die Silberne kommt nicht von ungefähr. An vierzig schwedischen Schulen gilt Handball als Unterrichtsfach, ergibt landesweit circa 700 junge Handballer pro Jahrgang. Schule und Sport gehen Hand in Hand. Schwedens olympisches Komitee (SOK) hält regelmäßige Leistungstests ab. Generell werden schwedische Sportler ab 16 dreimal im Jahr gecheckt. Am Ende schaut eine enorme Datenmenge heraus, darauf können Klubs, die einen neuen Spieler verpflichten wollen, ebenso zurückgreifen wie Nationalteamtrainer.

Als Teil der Vorbereitungen für Olympia 2012 organisierte das SOK eine großangelegte Image-Kampagne und schickte als Botschafter dafür Spitzensportler wie den Ringer Jalmar Sjöberg oder Tennis-Crack Joachim Johansson in die Schulen. Ebenfalls im Rahmen der Schulen wurden sogenannte "Olympic Days" organisiert, an denen Kinder und Jugendliche die verschiedenen Sportarten spielerisch ausprobieren konnten.

SOK-Chef Stefan Lindeberg sind die 212 Mio. Kronen (25,8 Mio. Euro), die die Regierung 2009 aus den Einnahmen der Staatslotterien an Spitzensportförderung für den Anlauf zu den heurigen Sommerspielen in London locker gemacht hatte, nicht genug. Um das Ziel von insgesamt 20 Medaillen (davon fünf Goldene) bei den Olympischen Spielen 2020/2022 zu erreichen, bedürfe es weiterer Mittel aus der Staatskasse, schrieb Lindeberg im jüngsten Jahresbericht des SOK.

Davon, dass die Einstellung der Schweden zum Sport insgesamt eine sehr selbstverständliche ist, konnte man sich übrigens auch am Stockholmer Flughafen Arlanda überzeugen: Dort hatte die Flughafen-Gesellschaft Svedavia (Sponsor-Partner des SOK) unter dem Motto "Olympic Airport" einen Treffpunkt eingerichtet, wo Reisende die Bewerbe auf einem Großbildschirm live verfolgen und selbst Tischtennis spielen konnten. Ihre Kinder zeichneten derweil Porträts ihrer schwedischen Lieblingssportler, die dann gleich in einer Sofortgalerie präsentiert wurden.

Natürlich wurden auch, das hat Tradition, Schwedens Medaillengewinner am Flughafen festlich empfangen. Wie gesagt, es waren nur acht Medaillen dieses Mal. Aber allerweil. (fri, APA - DER STANDARD, 14.8. 2012)