Wie Clemens Ruthner in seinem Kommentar beobachtet, sind die in den letzten Tagen veröffentlichen Appellrufe (bei Google-News finden sich über 40 Treffer!) für die "Rettung" des österreichischen Deutsch eine bloße Sommerloch-Beschäftigung österreichischer und deutscher Redaktionen. Die einheimischen Medien beschäftigen sich mit dem Thema Sprache meistens nur dann, wenn sie durch die in Sprachfragen oft missratene (Integrations-)Politik dieses Landes dazu gezwungen sind. Oft wird da von "Pflichten" und "Verboten" geschrieben, ein konstruktiver Ansatz in der Beschäftigung mit Sprache, Sprachlernen oder Sprachpolitik, die sich nach Grundprinzipien der modernen linguistischen Forschung orientiert, fehlt.

Wie könnte man denn sonst die im wahrsten Sinne des Wortes dilettantische Beschäftigung mit der Problematik des österreichischen Deutsch erklären, die wir dieser Tage in zahlreichen österreichischen und deutschen Medien zu konsumieren hatten. So baut beispielsweise science.ORF.at im Text „Österreich bangt um ‚Stiege‘ und ‚Marille‘"  bereits im ersten Satz einen Fehler ein. Die hochdeutsche Sprache schwappe nach Österreich, steht dort. Ein kurzes Gespräch mit einem Germanisten hätte gereicht, um in Erfahrung zu bringen, dass die "hochdeutsche Sprache" - so wie in diesem Text gemeint ist - seit mindestens 200 Jahren die Amts- und Unterrichtssprache in Österreich ist. Der Terminus „Hochdeutsch" ist außerdem soziolinguistisch veraltet und unpräzise. Heutzutage benutzt man für den sprachlichen Ausdruck, den man in offiziellen Situationen und von den sog. Normautoritäten wie Schule, Fernsehen usw. verwendet und die weitgehend durch Regelwerke wie Rechtschreibung, Grammatik oder Wörterbücher normiert ist, den Begriff "Standardsprache". Also Hochdeutsch ist keine „Sprache der Deutschen", wie in diesem Text vermittelt wird, sondern eine Varietät, die in allen deutschsprachigen Ländern seit Jahrhunderten Amtsstatus genießt.

Ein paar Absätze unten bemängelt der Text weiter, dass unter dem "Druck" (?!) des Hochdeutschen aus dem Norden (jetzt müsste man sich fragen, ob etwa auch das Hochdeutsch aus dem Süden Deutschlands Druck auf die Sprache in Österreich ausübt?!) die "österreichische Sprache" schwindet. Eine autonome österreichische Sprache hat es noch nie gegeben - es gibt höchstens eine österreichische Prägung (linguistisch: Varietät) der deutschen Sprache, die keinesfalls einheitlich ist. Außerdem sind die meisten Besonderheiten des Deutschen in Österreich ohnehin nicht nur auf Österreich beschränkt, sondern gelten auch in Süddeutschland. So ist es mit erwähnten "Bub", "Grüß Gott", "servus" usw. Eine gewisse Allgemeingeltung von Bregenz bis Eisenstadt hat praktisch nur der österreichische Verwaltungswortschatz. Andererseits haben wiederum einige als "bedroht" eingestufte Wörter keine Geltung in ganz Österreich. So ist z. B. "Paradeiser" ein selbst hierzulande eher (veraltender) auf Wien und Ostösterreich beschränkter Regionalismus.

Einstellung zur Sprache als Kulturgut

Es steht außer Zweifel, dass Deutschland, und dort insbesondere das meistens dialektfreie Norddeutschland, einen Spracheinfluss auf die Mitte und den Süden Deutschlands und über die Grenzen hinaus auf Österreich und die deutschsprachige Schweiz ausübt. Im Norden Deutschlands ist auch der deutsche Rundfunk ARD beheimatet, dort entstehen die wichtigsten Medien des Landes. Außerdem werden fremdsprachige Filme in (Nord-)Deutschland synchronisiert, dort sind auch die wichtigsten Verlage beheimatet. Linguistisch gesehen sind aber solche Spracheinflüsse normale Prozesse des Sprachkontakts, die in allen Sprachen der Erde seit jeher existieren.

Dieses "Norddeutsch" bedroht also durch Internet und Jugendsendungen vermehrt die autochthone Sprache in Österreich. Was tut aber Österreich, um diesem Trend entgegenzuwirken? Jedenfalls nicht genug. In der Bevölkerung ist so immer noch die Meinung verbreitet, wonach wir in Österreich ein "schlechteres" Deutsch bzw. nur "Dialekt" reden. Das Selbstbewusstsein über die Gleichwertigkeit der eigenen Sprachvariante existiert außerhalb der linguistischen Fachkreise so gut wie nicht.

Während im Fall der englischen Sprache die amerikanische und britische Varietät um Prestige buhlen, hat man es sonst im reichen Österreich nicht geschafft, die eigene Sprachvarietät vollständig zu kodifizieren.

Warum könnte das österreichische Deutsch in Anlehnung an das "American English" nicht sein eigenes enzyklopädisches Wörterbuch, aber auch eine vollständige Grammatik oder Rechtschreibung haben? Dabei will ich die deutsche Sprache keinesfalls "balkanisieren", sondern lediglich darauf hinweisen, dass man die heimische Varietät des Deutschen längst nicht mehr durch folkloristisch konzipierte Wörterbücher der österreichischen Besonderheiten mit Untertiteln à la "Wie wir uns von unserem großen Bruder unterscheiden" definieren kann. Die einzige Berechtigungsexistenz des österreichischen Deutsch besteht nicht darin, es auf dem disjunktiven Prinzip vom deutschen Deutsch abzugrenzen, sondern mit ihm in einer großen Sprachgemeinschaft gleichberechtigt zu existieren. Und da hilft das Jammern tatsächlich wenig. (Nedad Memić, 14. 8. 2012, derStandard.at)