Konstanz - Horizontaler Gentransfer - also der Austausch von Genen abseits der geschechtlichen Fortpflanzung - ist unter Mikroorganismen gang und gäbe. Zwischen komplexeren Lebensformen ist sie bislang jedoch nur äußerst selten festgestellt worden; nun aber fanden deutsche Forscher Hinweise auf einen solchen Gentransfer sogar zwischen Wirbeltieren, wie die Universität Konstanz berichtet.

Im Wissenschaftsjournal "Genome Biology and Evolution" berichten Konstanzer Biologen um Axel Meyer von einer Übertragung des Genelements Tc1 über einen parasitären Kontakt zwischen Neunaugen und von ihnen befallenen Süßwasserfischen. Die kieferlosen Neunaugen sind urtümliche Wirbeltiere und nur sehr weitläufig mit Fischen und allen von den Fischen abstammenden Landwirbeltieren verwandt: Vor über 500 Millionen Jahren teilten sie sich zuletzt einen gemeinsamen Vorfahren mit anderen Wirbeltieren. Kontakte hingegen stehen an der Tagesorndung: Die parasitär lebenden Neunaugen saugen sich mit ihrem Rundmaul an Fischen fest und ernähren sich von Blut und Körpersäften ihrer Wirtstiere. 

Aufwändiger Vektor: Ein Wirbeltier

Über diesen Kontakt wird die Übertragung des Tc1-Genelements stattgefunden haben, vermutet Meyer: "Die evolutionär mosaikhafte Verbreitung dieser Gruppe von Tc1-Elementen und die Analyse ihres Alters legen nahe, dass sich diese DNA-Elemente mehrfach zwischen parasitischen Neunaugen und deren Wirtsfischen horizontal verbreitet haben. Die Untersuchungen der Konstanzer Biologen legen nahe, dass dieses Genmaterial aus evolutionär weitaus jüngeren Fischarten stammen muss. Demzufolge nahmen die parasitären Neunaugen in diesem beispiellosen Fall von horizontalem Gentransfer eher nur die Rolle des Überträgers ein.

Die nun geglückte Beobachtung ist in der Biologie bislang einzigartig: "Mir ist kein anderer Fall bekannt, in dem horizontaler Gentransfer zwischen Wirbeltieren eintritt und ein anderes Wirbeltier der Vektor ist", sagt Meyer. (red, derStandard.at, 19. 8. 2012)