Berlin - Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble hat vor Überheblichkeit gegenüber den kriselnden Euro-Ländern gewarnt. "Auch wir bescheißen gelegentlich, auch wir verstoßen gegen Regeln", sagte Schäuble am Samstag vor Hunderten Bürgern beim Tag der offenen Tür der Bundesregierung in Berlin. Gängige Bilder über die südländischen "Schlamper" oder die "Steuerbetrüger" aus der Schweiz seien großer Unsinn.

Eine solch überhebliche Haltung sei den Deutschen nie gut bekommen, betonte Schäuble und mahnte mehr Respekt an - gerade weil Deutschland zu den Ländern gehöre, die von einer gemeinsamen Währung profitierten.

Befürchtungen, wonach Griechenland erst in einigen Jahren seine Sparziele erreichen und der Euro immer wackliger werde, wies Schäuble zurück. "Die Stabilität ist nicht gefährdet. Der Euro ist eine stabile Währung", sagte er. So sei die Preissteigerungsrate in den vergangenen Jahren stets niedriger gewesen als zu Zeiten der D-Mark. Auch jetzt gebe es keine Anzeichen für eine Inflation.

Merkel schüre europafeindliche Tendenzen

Der ehemalige deutsche Außenminister Joschka Fischer (Grüne) wirft indes Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vor, europafeindliche Tendenzen zu schüren. In der Schuldenkrise fahre die Kanzlerin auf Sicht - ohne zu sagen, wo die Reise hingehen soll, sagte Fischer der Zeitung "Bild am Sonntag". "Das verunsichert das Volk und schürt anti-europäische Stimmungen - sehr gefährlich", kritisierte er. "Die Verantwortung dafür trägt zu einem erheblichen Teil die Kanzlerin."

Fischer legte Merkel nahe, sich an ihrem Vorvorgänger und Parteikollegen Helmut Kohl ein Beispiel zu nehmen. Dieser habe die europäische Integration mit Mut und einer Vision vorangetrieben. "Kohl hat das damals großartig gemacht", sagte Fischer laut dem Vorausbericht.

Der deutschen Regierung hielt er vor, in der Krise zu unentschlossen und rein nach nationalen Interessen zu agieren. "Die Regierung läuft der Entwicklung hinterher, sie handelt krisen- und nicht strategiegetrieben. Am Ende kommt dann meist die teuerste Variante heraus", sagte der frühere Minister.

Er warnte zugleich vor einer Isolation Deutschlands in Europa. "Wer meint, Deutschland könne eine große Schweiz abgeben, steht wie der träumende Ochse vor der verschlossenen Tür, bis er zum Metzger geführt wird", sagte Fischer. Seinen Worten zufolge droht Merkel mit ihrer Europa-Politik auch im Inland ins Abseits zu geraten. "Mit ihrer Politik des Nichterklärens und der Strategie der Hintertür gefährdet sie ihre Mehrheit im Bundestag. Das trägt nicht mehr lange", sagte Fischer. (APA, 18.8.2012)