Wien - Opfer von sexueller Gewalt legen nicht immer Wert auf besonders strenge Strafen für die Täter. "Die Sichtweise ist da sehr individuell. Wenn der Täter ein Familienmitglied ist, wollen sie primär, dass es aufhört. Sie sind manchmal gar nicht spezifisch daran interessiert, dass jemand bestraft wird, weil dies das Familiengefüge zerstören könnte", sagte Rosa Logar, Obfrau des im Bereich der Opferhilfe tätigen Vereins Autonome Österreichische Frauenhäuser (AÖF), am Donnerstag.

Den Opfern gehe es in gerichtlichen Verfahren grundsätzlich darum, "dass klar wird, dass ihnen Unrecht geschehen ist und dass dies Konsequenzen hat", betonte Logar. Nicht immer müssten dies "rein repressive Sanktionen" sein: "Es gibt ja mehr Möglichkeiten, als dass jemand nur im Gefängnis sitzt bei Wasser und Brot." Die Gerichte könnten Weisungen erteilen, Therapien und Bewährungshilfe anordnen und konkrete Maßnahmen zum Schutz der Betroffenen setzen. Wichtig sei jedenfalls, "dass die Opfer von der Justiz ein Stückchen einbezogen werden und ihnen ein Schutzbedürfnis signalisiert wird".

Entscheidung sendet falsches Signal

So tritt Logar dafür ein, dass von sexueller Gewalt Betroffenen zukünftig ein Anhörungsrecht zugebilligt wird, wenn ein rechtskräftig verurteilter Täter um eine Fußfessel ansucht.

Im Fall des Salzburger Hundetrainers, der seine Pflegetochter mehrfach vergewaltigt hatte und einen elektronisch überwachten Hausarrest genehmigt bekam, ohne einen einzigen Tag im Gefängnis verbringen zu müssen, hält die AÖF-Obfrau die Fußfessel für "nicht adäquat". Diese Entscheidung sende ein falsches Signal aus. Der Forderung, dass Sexualstraftäter grundsätzlich vom Hausarrest ausgenommen werden sollten, pflichtet Logar allerdings nicht bei: "Wenn jemand jahrelang im Gefängnis sitzt und den letzten Teil der Haft im Hausarrest verbringt, kann das eine vertretbare Maßnahme sein."

Verbesserte Beweismittelsicherung

Generell stellt sich für die Opferhilfe-Expertin die Frage, ob bei den für die unterschiedlichen Deliktsgruppen verhängten Strafen immer Verhältnismäßigkeit gegeben ist: "Obwohl sich das von uns empirisch nicht beweisen lässt, haben wir den Eindruck, dass bei Eigentumsdelikten konsequenter und härter bestraft wird als bei Gewaltdelikten. Es wäre wichtig, sich anzuschauen, ob da die Relation passt." Gewaltdelikte, die sich im Nahraum oder in der Familie abspielen, würden oft toleriert: "Das wird oft schnell gar nicht als Straftat behandelt, sondern eingestellt."

In diesem Zusammenhang verlangt Logar gerade bei kindlichen Opfern von körperlicher und sexueller Gewalt vom Gesetzgeber eine verbesserte Beweismittelsicherung: Eine gerichtsmedizinische Dokumentation von Verletzungen sollte in diesen Fällen zwingende Praxis sein. (APA, 23.8.2012)