Clemens Ruthner hat in seinem Kommentar (STANDARD vom 14. August) zum Verschwinden des österreichischen Deutsch (ÖDt.) gemeint, dies sei " normaler" Kulturwandel, der nicht aufzuhalten und für moderne Gesellschaften charakteristisch sei. Darüber hinaus würden die Veränderungen die Mehrheitsverhältnisse abbilden. Und es sei unseren Nachbarn vorbehalten, die Austriazismen zu erhalten. Ohnehin handle es sich bloß um fünf Prozent des Wortschatzes, die nur ein paar Lebensmittel- und Amtsausdrücke betreffen, die man nach dem Krieg zur Abgrenzung gegenüber Deutschland verwendet habe, was eine weitere Lebenslüge gewesen sei, um sich vor der Mitschuld für Nationalsozialismus und Holocaust zu drücken.

Jede dieser Behauptungen ist falsch. Zudem macht sich der Autor aus scheinbar aufgeklärter kosmopolitischer Position über das ÖDt. lustig. Das Thema verdient aber eine ernsthafte Diskussion, weil es um die Rolle des ÖDt. für die österreichische Identität geht.

Österreich ist ein souveränes Land und Deutsch eine plurizentrische Sprache, die man sich mit anderen Ländern teilt, so wie es beim Englischen zwischen Irland und Australien mit Großbritannien und den USA der Fall ist.

Niemand würde heute in den englischsprachigen Ländern auf die Idee kommen, das eigene Englisch als negatives politisches Instrument oder gar als irrelevant anzusehen. In jedem dieser Länder ist das jeweilige Englisch integraler Bestandteil der nationalen Identität. Das gilt etwa für Irland, wo Ruthner unterrichtet und es niemandem einfallen würde, sich für sein irisches Englisch zu schämen. Und ganz selbstverständlich dient dort die jeweilige Varietät dazu, sich von Angehörigen anderer englischsprachiger Nationen abzugrenzen.

Massiver Sprachenaustausch

Aus welchem plausiblen Grund sollte man das ÖDt. einfach aufgeben? Weil man dann "internationaler" ist? Dann aber ist zu fragen, warum es überhaupt verschiedene Sprachen gibt. Das ÖDt. ist weder besser noch schlechter, es ist lediglich die eigene Sprache, die man täglich benutzt, die "normal" ist, die man am besten kennt. Ignoriert man sie, schadet man der österreichischen Bevölkerung, deren Sprache als " irrelevant", als "Dialekt" oder "marginal" hingestellt wird, indem man fälschlicherweise behauptet, es seien ohnehin nur ein paar Wörter.

Nimmt man Ruthners Argumente ernst, kann man entlang dieser Linie getrost alle Minderheitensprachen in Europa aufgeben. Dass ein aufgeklärter Intellektueller wie Ruthner außerdem die Erstellung des Österreichischen Wörterbuchs nach dem Zweiten Weltkrieg - das Teil eines sprachlichen Entnazifizierungsvorhabens war - als Teil einer "Lebenslüge" abqualifiziert, ist ein grober Missgriff, eine erfundene und unwahre Behauptung.

Ohne es zu beabsichtigen, geht er damit mit den Deutschnationalen und Großdeutschen parallel, denen jede sprachliche Eigenständigkeit Österreichs immer schon ein Dorn im Auge war und weiter ist. Man lese in den Parteiprogrammen der FPÖ nach. Die massive Übernahme von deutschländischen Wörtern ist kein "natürlicher Kulturwandel", sondern ein massiver Sprachenaustausch aufgrund des Fernsehens und der Synchronisierung von Serien.

Meine eigenen Untersuchungen zeigen, dass das Ausmaß der Änderungen dramatisch ist. Es gibt keinen Grund, das als "normal" anzusehen. So wie man Minderheitensprachen schützt, soll man m. E. Maßnahmen ergreifen, die das ÖDt. bewusst machen und erhalten. Das ist weder Nationalismus noch Konservatismus, sondern ein notwendiges Mittel zur Aufrechterhaltung eines wesentlichen Teils der österreichischen Identität, den man bewusst pflegen und fördern sollte. (Rudolf Muhr, DER STANDARD, 25.8.2012)