Robert Kagans neuestes Buch The World Ame rica Made verdient Beachtung - aus zwei Gründen: zum einen ist Kagan Berater des republikanischen US-Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney; zum anderen gilt er als einer der bekanntesten Neocon-Vertreter, der mit seiner Metapher "Die Amerikaner sind vom Mars, die Europäer von der Venus" die sicherheitspolitische Debatte dies- und jenseits des Atlantiks geprägt hat. Dies rechtfertigt eine genauere Auseinandersetzung mit dem Buch, als dies Heinz Gärtner in seiner Sammelrezension mehrerer Werke in der Standard-Beilage ALBUM (23. 6. 2012) möglich war. Wenn Romney Amerikas Größe und internationale Macht "wiederherstellen" will - auch durch Militäreinsätze -, dann ist das ein Echo auf Kagans Ausführungen. Er zieht gegen den "Mythos des amerikanischen Niedergangs" zu Felde. Er räumt ein, China gewinne an Stärke, aber die amerikanische Militärmacht könne es immer noch mit jedem Herausforderer "aufnehmen". Die einzige wirkliche Gefahr für die Macht der USA seien die "Niedergangsfantasien" und die Gefahr, "Selbstmord als Supermacht zu begehen aus einer fehlgeleiteten Furcht eines Machtverlustes heraus".

Folgerichtig stellen für ihn der Verlust an Selbstvertrauen, die Versuchung, "den moralischen und materiellen Bürden zu entkommen", Gefährdungen da, gegen die die Amerikaner ankämpfen müssten. Mit Romney - meint er, schreibt er aber nicht explizit. Aber dass Romney Zurückhaltung auf der Weltbühne üben werde, damit sei nicht zu rechnen, macht Kagan deutlich. Das verspreche jeder Präsidentschaftskandidat. "Aber jeder, der ins Amt kommt und erwartet, weniger zu tun, ist rasch mit der Realität konfrontiert: die gegenwärtige Weltordnung zu erhalten, dazu bedarf es konstanter amerikanischer Führung und konstanter amerikanischer Verpflichtungen."

Immerhin gibt Kagan aber zu, der Ruf nach Soft Power sei "verständlich, wenn man sich die schlechten Erfahrungen im Irak und in Afghanistan anschaut, wo die Grenzen und Kosten militärischer Macht klar aufgezeigt wurden". Der einstige Hardliner gesteht sogar zu: "Soft Power existiert, auch wenn ihr Einfluss schwierig zu messen und einfach zu überschätzen ist."

Kagan legt einen starken Fokus auf die Bric-Staaten: Brasilien, Russland, Indien, China. Europa kommt fast nicht vor, außer es ist nützlich: Die USA müssen mehr tun, um den freien Handel zu befördern. In dem Zusammenhang meint Kagan, die USA und die EU sollten ihre "Schadenfreude" - er benutzt den deutschen Ausdruck - beiseiteschieben und für dieses Ziel kämpfen. Und er stellt die rhetorische Frage: Wer oder was sollte Amerikas Platz übernehmen?

Sollte Romney die US-Wahl gewinnen, dann liefert Kagan Anhaltspunkte für die künftige Positionierung der USA auf der Weltbühne: Bush light - deutlich selbstbewusster, aber geläutert durch zwei Kriege. (Alexandra Föderl-Schmid/DER STANDARD Printausgabe, 28.8.2012)