Es gibt zwei wichtige Messpunkte, die über den Verlauf eines US-Präsidentschaftswahlkampfes Auskunft geben: die Reden der Kandidaten auf den Nominierungsparteitagen und ihr erstes Duell vor Millionen von Fernsehzuschauern.

Mitt Romney hat seinen ersten Test ganz passabel bestanden. Er hielt eine alles in allem gute Rede. Sie war angenehm im Ton und dazu hinreichend vage, um Wähler, die auch bei Inhalten aufhorchen, nicht zu verstören. Dabei wirkte der republikanische Präsidentschaftskandidat emotionaler und weniger mechanisch als üblich. "Robo-Romneys" Vorgabe war, sich - als Mensch - zu präsentieren und Präsident Barack Obama abzuqualifizieren. Das ist ihm gelungen. Nicht weniger, aber eben auch nicht mehr.

All jene, die sich sachpolitische Einlassungen oder gar den "real Romney", den echten Menschen hinter all den antrainierten Gesten und Sätzen erwartet hatten, mussten sich mit wenig zufriedengeben. Aber um Programmatik oder Bekenntnisse ging es in Tampa auch gar nicht. Romney musste vielmehr den heiligen Eifer der Republikaner befeuern, mit dem diese den Präsidenten ablehnen. Und er wollte jene enttäuschten Amerikaner auf seine Seite ziehen, die sich vom Hoffnungsträger Barack Obama im Stich gelassen fühlen.

Ob er mit Letzterem Erfolg haben wird, muss sich erst weisen - zumal Obama, den einige Beobachter ebenso zu den Gewinnern des republikanischen Parteitages zählen, kommende Woche Gelegenheit hat, seine Bilanz gewohnt wortgewandt zu verteidigen.

Von Romneys Rede wird dann nur noch wenig im Gedächtnis der Wähler hängengeblieben sein. Die Episode, mit der man diesen Parteitag assoziieren wird, wird eher jener merkwürdige Auftritt Clint Eastwoods sein, der zumindest unbeteiligte Beobachter einigermaßen ratlos hinterließ. Aber daraus sollte dennoch niemand schließen, dass es für Obama in den zehn letzten Wochen des Wahlkampfes einfach werden wird. Romney ist ein schwerer Gegner, eben weil er so unbestimmt und glatt ist, weil er oft konträre Positionen eingenommen hat und weil ihm viele Amerikaner das vage Versprechen abnehmen, dass ihr Land so einzigartig sei und Besseres verdiene als Krise und Abstieg.

Die Hypothek auf der Kandidatur des Geschäftsmannes ist die rabiate Rechte, der er sich auf Gedeih und Verderb verschrieben hat. Hier werden Obamas Leute ansetzen und einen Wahlkampf führen, wie ihn sonst meistens die Republikaner vorexerziert haben: Es wird um Werte gehen, um Furcht vor rabiaten Freaks, die Abtreibungen verbieten wollen, Reiche weniger besteuern und das Land generell ins 18. Jahrhundert zurückführen.

Bei Obama wird das geneigte Publikum in der kommenden Woche deshalb viel mehr über Sachpolitik zu hören bekommen - und wie diese in den vergangenen vier Jahren von den Republikanern im Kongress gnadenlos torpediert worden ist. Ob das für eine Wiederwahl reicht, steht ebenso in den Sternen, wie Romneys Appeal für die Ernüchterten aus der Obama-Koalition von 2008.

Viele Analysten glauben, dass es auch diesmal so laufen könnte wie bei der ersten Wahl George W. Bushs. Damals entschieden wenige Stimmen in Florida. Obama gewann den Bundesstaat 2008 mit etwas mehr als 200.000 Stimmen. Das ist verdammt wenig Vorsprung - auch wenn Romney weiter nur passabler Kandidat bleibt. (Christoph Prantner, DER STANDARD, 1.9.2012)