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Irans Präsident Ahmadi-Nejad (l.) und sein ägyptischer Kollege Morsi.

Foto: REUTERS/Majid Asgaripour/Mehr News Agency

Die Vorgeschichte ist schon ein paar Tage alt, aber erst jetzt läuft die Empörung so richtig an: Als der ägyptische Präsident Mohammed Morsi am Donnerstag beim Blockfreien-Gipfel in Teheran das syrische Regime für seine blutige Niederschlagung des Aufstands heftig angriff, lieferte der Simultandolmetsch im iranischen TV das, was er für eine politisch korrekte Übersetzung hielt. Anstatt "Syrien" sagte er nämlich ganz einfach - "Bahrain".

Dort läuft ja - wenn auch in viel geringerem Umfang als in Syrien - quasi die Umkehrung des syrischen Aufstands: Unterdrückt in Syrien eine alawitische Herrscherfamilie, die Assads, eine sunnitische Mehrheit, so sind es in Bahrain Mehrheits-Schiiten, die gegen ein sunnitischen Königshaus aufstehen. Je nachdem, auf welcher Seite des Persischen Golfs man sich also befindet, ist der bahrainische Aufstand gut oder böse. Die sunnitischen Golfaraber unterstützen die syrischen Rebellen und das bahrainische Königshaus. Die schiitischen Iraner unterstützen die bahrainischen Rebellen und das syrische Regime. So einfach ist leider manchmal die Welt (in Wahrheit ist sie natürlich doch wieder viel komplizierter...).

Keiner weiß - und darüber spekulieren die arabischen Golfmedien -, ob der wackere Herr Dolmetsch auf Auftrag gehandelt hat oder spontan, ob er die Rede Morsis vorher bekommen hatte und seine originelle Übersetzung absprechen oder überlegen konnte, oder ob er seinen Ohren nicht traute und "Bahrain" verstand, wo Morsi "Syrien" sagte. Die iranische Linie ist im Moment, dass nur einmal ein "Bahrain" "Syrien" ersetzte, und dass das ein Versprecher war. Der Chef des staatlichen Fernsehens, Ezatollah Zarghami, beklagte lautstark, dass dies halt so passiert sei und dass nun "westliche Medien" diesen Fehler ausnützten.

"Beleidigung für die Zuseher"

Aber auch Iraner und Iranerinnen regen sich auf. Die libanesische Zeitung The Daily Star zitiert einen Poster auf Asr-e Iran, der von einer "Beleidigung für die Zuseher" sprach. Und der GCC (Golfkooperationsrat), der am Montag den Iran verärgert aufforderte, sich nicht in arabische Golfangelegenheiten - sprich Bahrain - zu mischen, brauchte dazu auch keine westliche Aufforderung.

Jedenfalls ist Feuer am Dach, und die iranische Intention, Mohammed Morsi - nach iranischer Auffassung das Produkt einer mit der iranischen Revolution verwandten ägyptischen Revolution - als in allen politischen Fragen mit dem Iran übereinstimmenden Freund darzustellen, ist gründlich schiefgegangen. Eine diplomatische Aufwertung der Beziehungen zwischen Ägypten und dem Iran wurde gar nicht erst besprochen. (Es stimmt allerdings auch nicht, was oft medial behauptet wird: dass es gar keine diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern gibt. Es gibt eine iranische Vertretung in Kairo und eine ägyptische in Teheran, und sie sind sogar mit Botschaftern besetzt, die jedoch nicht als Botschafter, sondern als Geschäftsträger präsent sind.)

Und die Beziehungen Irans zu den Golfstaaten, deren Vertreter trotz aller Vorbehalte - und in einem Versuch die Beziehungen zu verbessern, gerade in Hinblick auf eine Lösung im Syrien-Konflikt - zum Gipfel nach Teheran gekommen waren, sind weiter schlecht, wenn nicht schlechter als vorher. Das Außenministerium in Manama, Bahrain, hat den iranischen Geschäftsträger einberufen, um zu protestieren. Wobei größer als die Empörung über die iranische "Einmischung", die ja Dauerthema ist - wobei die Golfstaaten die Einmischung anderswo auch ganz gut beherrschen -, das Kopfschütteln darüber ist, dass die Iraner glaubten, mit so einem Unsinn durchzukommen. Es ist wirklich so dumm, dass man fast an eine Eigenaktion des Übersetzers glauben möchte.

Morsi-Bashing

Denn jetzt bringen alle iranischen Medien das, was Morsi wirklich gesagt hat. Und da nützt das härteste Morsi-Bashing nichts: So erfahren endgültig alle Iraner und Iranerinnen, dass der republikanische Islamist, der Ägypten regiert - und von den iranischen republikanischen Islamisten als Bruder im Geiste gesehen wird -, den Syrien-Konflikt ganz anders sieht als die Teheraner Führung. Nicht als Verschwörung von außen, sondern als Volksrevolution, die jeder echte Revolutionär unterstützen muss.

Die offiziellen Bemerkungen, die von der Person des Vizeaußenministers Amr Ramadan, der mit den Blockfreien-Agenden beauftragt ist, unter die Leute gebracht werden, klingen vor allem wehleidig: Man habe, so zitiert ihn die konservative iranische Zeitung Resalat, doch dem Iran wiederholt vorgeworfen, dass er den Blockfreien-Gipfel für seine Zwecke ausnütze - aber dieser Vorwurf sei vielmehr Ägypten und Präsident Morsi zu machen! Als Vorsitzender der Blockfreien - den Vorsitz übergaben die Ägypter in Teheran den Iranern - hätte er für alle Blockfreien sprechen müssen, statt dessen habe er nur seine eigene Meinung zu Syrien geäußert, und das sei ungehörig.

Wie anders sei da der religiöse Führer: Ayatollah Khamenei, mit seinen vornehmen Manieren, habe in seiner Eröffnungsrede Syrien nicht einmal erwähnt, im Wissen, dass das ein unter den Blockfreien umstrittenes Thema sei. So wird der außenpolitische Berater des iranischen Parlamentspräsidenten zitiert. Woraus man aber nicht schließen sollte, dass Khameneis Rede von allen Blockfreien unterschrieben werden würde: Indien etwa, in Teheran mit einer großen Delegation präsent, ist auch ein großer Freund Israels und kann mit der üblichen iranischen "die Zionisten und ihre Marionetten"-Rhetorik wohl nicht viel anfangen. Und das ist nur ein Beispiel.