Ich lege mir ernsthaft ein Vokabel-Heft zu - und kann mich gar nicht erinnern, in der Schule überhaupt eines geführt zu haben.

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C, ç, ğ, ı, j, r, ş. In der ersten Einheit des Türkischkurses lernen wir das türkische Alphabet. Dž, č, stummes g, ы, ž, ř und š male ich neben die türkischen Buchstaben. Es stimmt, denke ich mir - je mehr Sprachen man kann, desto leichter wird es, eine neue zu lernen. Die Notizen helfen mir, im Kopf zu behalten, wie man die türkischen Buchstaben ausspricht. Einige der Buchstaben gibt es nämlich in meiner Muttersprache, nur sehen sie anders aus. Andere klingen wie Laute, die ich aus anderen Sprachen kenne: Russisch, Tschechisch.

Ich frage mich, wann die Medien begonnen haben, Erdoğans Namen richtig auszusprechen - "Erdo-an" mit stummem g, nicht "Erdo-gan". Wenn sie es mit dem türkischen Premier machen können, wieso dann nicht bei allen unseren Bürgern türkischer Herkunft? Ich notiere mir, dass jede Volksschullehrerin wenigstens die südosteuropäischen Alphabete kennen müsste, um die Namen der Kinder und Eltern aussprechen zu können. Und nehme mir fest vor, einen Kommentar dazu in der nächsten Redaktionssitzung vorzuschlagen.

Strebern hilft nicht

Doch weiter als dazu, diesen Vorschlag schnell und unleserlich in mein Notizbuch zu schreiben, komme ich nicht, denn jetzt soll ich schon vor dem ganzen Hörsaal einen Satz vorlesen. Dabei sind es sicher mehr als hundert Leute und meine ersten türkischen Sprechversuche. Sehr lange kann sich die Kursleiterin ohnehin nicht mit unserer bestimmt unterhaltsam falschen Aussprache beschäftigen - es sollen ja alle wenigstens einmal drankommen. Diese Maßnahme ist ein Spagat, den viele Sprachfächer an Universitäten vollbringen müssen: steigende Interessentenzahlen bei sinkendem Personal. Das führt dazu, dass ein Sprachkurs, der maximal 30 Teilnehmer haben sollte, über hundert hat.

Nach einigen Wochen dämmert mir, dass die Abschlussprüfung wohl viel schwieriger wird als erwartet. Diesmal kann ich wahrscheinlich nicht wie gewohnt in letzter Sekunde alles in mich hineinstrebern. Ich stelle mit Entsetzen fest, dass ich, um eine Chance bei der Prüfung zu haben, den Grammatikführer, den ich mir besorgt habe, komplett auswendig kennen werde müssen. Ich lege mir daher aus taktischen Gründen ernsthaft ein Vokabelheft zu - ich kann mich gar nicht erinnern, in der Schule überhaupt eines geführt zu haben! In die Spalten schreibe ich die gesamten Vokabeln, die ich im ersten Semester lernen muss - so habe ich sie alle an einem Ort und muss nicht immer im dicken Skriptum herumblättern.

Die Sprache der Großeltern

Die Wörter, die ich sowieso kenne, weil es im bosnischen Dialekt wegen des langjährigen Einflusses des Osmanischen Reichs viele türkische Lehnwörter gibt, müssen meine manchmal genervten Freunde nicht abfragen. Wie einen kleinen Schatz trage ich sie im Gedächtnis, weil sie langsam in Vergessenheit geraten und mich an die Sprache meiner Großeltern erinnern. Tatsächlich sind einige Studenten mit bosnischen Wurzeln im Türkischkurs. Viele sind Muslime, die sich wegen der gemeinsamen Religion mit der Türkei und der türkischen Sprache verbunden fühlen. Ich erinnere mich daran, dass bei Fußballspielen der bosnischen Nationalmannschaft auch manchmal die türkische Fahne geschwenkt wird.

Türkisch ist die erste Sprache, die ich lerne, mit deren Grammatik ich überhaupt nichts anfangen kann, weil sie sich so grundlegend von allen anderen unterscheidet, die ich kenne. Die Bedeutung der türkischen Wörter und Sätze - der Fall, die Präposition und so weiter - erschließt sich nämlich aus Wortteilen, die hinten an die Wortstämme angehängt werden. "Ev" ist zum beispiel das türkische Wort für Haus. "Evler" sind "die Häuser", "evlerin" sind "deine Häuser", "evlerinde" heißt "in deinen Häusern". Sprachen, die Anhängsel, sogenannte Suffixe, an die Wortstämme anhängen, um Bedeutungsunterschiede zu erzielen, nennt man agglutinierende Sprachen. Die Vortragende nennt Türkisch manchmal auch eine SOV-Sprache: Subjekt, Objekt, Verb - die Reihenfolge der Satzteile. Für jemanden aus einer SVO-Sprache eine riesige Umstellung und ein Umdenken, das für Hirnknoten sorgt.

Meine türkischen Freunde bekommen in dieser Zeit viele SMS auf Türkisch von mir. Gemeinsam mit meinem Skriptum, meinem Grammatik-Leitfaden und Google Translate bastle ich so manchmal eine halbe Stunde lang an 140 Zeichen. Ganz stolz bin ich dann auf mich, wenn ich mein Kommunikations-Kunstwerk fertig habe und auf "senden" drücke. Von meinen türkischen Freunden kommt dann meist - wahrscheinlich wegen der Unzahl der Fehler - eine peinlich berührte und verlegene SMS zurück: "Ach, du versuchst, Türkisch zu lernen?" Auf Deutsch.

Sprachterritorium

Manchmal habe ich das Gefühl, dass sie sich bedroht fühlen durch meine wachsende Sprachkenntnis. Ich bemerke, dass sie ihre persönlichen Gespräche auf Türkisch in meiner Gegenwart nur mehr flüstern. Ach, wenn sie nur wüssten, wie wenig ich erst wirklich verstehe! Wenn ich sie um Rat frage, versuchen sie zwar höflich, mir aus meiner Grammatik-Verwirrung zu helfen, aber so recht begeistert sind sie nicht darüber, dass ich ihre Sprache lerne. Das verwirrt und enttäuscht mich ein bisschen.

Aber möglicherweise bin ich ja eine anstrengende Schülerin. Oder vielleicht fühlen sie sich unterbewusst wirklich angegriffen durch mein Vordringen auf ihr Sprachterritorium. Ich erinnere mich an einen Freund, den österreichischen Slawistikstudenten Clemens, der sehr gut Serbokroatisch zu sprechen gelernt hat. Anstatt Clemens für sein außerordentliches Talent zu loben und ihm zu helfen, haben sich Slawisten-Kollegen wegen Kleinigkeiten über ihn lustig gemacht. Die sogenannte Muttersprache ist wohl bei Migranten ein besonderes Gut, das ganz eng mit der Identität verknüpft ist. Und in einer Leistungsgesellschaft auch eine besondere Kompetenz, die man sich nicht streitig machen lässt. Aber das ist eine andere Geschichte.

Fehler

Am Tag der Prüfung bin ich sehr nervös - ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal für eine Prüfung so viel gelernt habe. Beim Prüfungstermin sind viel mehr Menschen anwesend als im Kurs selbst - jetzt kommen einige Frauen in langen, wallenden schwarzen Gewändern und Kopftüchern dazu, die ich nie zuvor im Hörsaal gesehen habe. Wahrscheinlich sind sie Türkinnen, die diese Prüfung als einfache Zusatzqualifikation machen. Eine Vorgangsweise, vor der die Kursleiterin immer wieder gewarnt hat: "Nur weil man Türkisch spricht, heißt das nicht, dass man die Prüfung besteht. Es werden viele genaue Fragen zur Grammatik dabei sein."

Eine der türkischen Frauen setzt sich neben mich. Der erste Teil des Tests ist ein Raster, in das man verschiedene Ausdrücke, Erklärungen und Übersetzungen eintragen muss. Meine Sitznachbarin vergewissert sich bei mir, ob wir die Lücken ausfüllen müssen. Ich nicke und sehe, dass sie mit dem Kugelschreiber auf eine der Grammatikfragen zeigt, die Stirn runzelt und mit den Schultern zuckt. Sie sieht mich ratlos an und versucht, mich nonverbal um Hilfe zu bitten. Eine Türkin, von mir abschreiben! Unvorstellbar. Nicht für die Kursleiterin, die meine Kollegin mit dem Kopftuch prompt auf die andere Seite des Hörsaals versetzt.

Schade, denn ich hätte vielleicht auch ihre Hilfe gebraucht. Am Ende habe ich nämlich "nur" einen Zweier bekommen, weil ich einen großen peinlichen Fehler gemacht habe: Ich wusste nicht, was "Bitte" heißt. Etwas, was man regelmäßig sowohl den Menschen vom Balkan als auch Wienern - und beides trifft auf mich zu - gerne scherzhaft vorwirft. (Olja Alvir, daStandard.at, 13.9.2012)