Ein Hermelin hat einen der verbliebenen Lemminge ergattert. Vielleicht zieht er auch in dessen Höhle ein und verwendet das Lemmingfell als Dämmmaterial.

Foto: Niels Schmidt

Washington - Sie sind putzig, flink, und nahrhaft: Halsbandlemminge der Art Dicrostonyx groenlandicus, die einzigen Nager, die an der rauen Ostküste Grönlands überleben können. Die bis zu 110 Gramm schweren Tiere bauen Tunnelsysteme und schaffen es mit ihren robusten Krallen, in gefrorenem Boden zu graben. Fell und Fett schützen vor Kälte.

Für Raubtiere sind die Lemminge eine willkommene Beute. Manche Arten scheinen sogar von ihnen als Nahrungsquelle abhängig zu sein. Schneeeulen brüten etwa nur in Jahren, in denen die Lemmingpopulationen ihren Höchststand erreichen, sagt der dänische Biologe Niels Schmidt vom Arctic Research Centre in Aarhus zum STANDARD. Die Vögel überwintern weiter südlich und kommen zu Frühlingsbeginn. "Irgendwie sind sie in der Lage, die Lemmingdichte einzuschätzen, auch wenn es noch eine Menge Schnee gibt."

Den Nagern bietet die weiße Pracht Schutz vor hungrigen Mäulern und Schnäbeln, erklärt Schmidt. "Der Winter ist die beste Zeit für Lemminge." Unter dem Schnee sinken die Temperaturen nicht so tief, und es gibt Nahrung in Form von Wurzeln, Knospen und Samen. Bei ergiebigem Schneefall nimmt auch die Zahl der Lemminge rapide zu. Es kommt zur Bevölkerungsexplosion. Normalerweise passiert das alle vier Jahre. Man spricht dann von Lemmingzyklus und Lemmingjahren.

Auf Grönland schneit es - vermutlich als Folge des Klimawandels - immer weniger, was offenbar starke Auswirkungen auf die Tierwelt hat. An der Ostküste, auf Traill Island, brach bereits zur Jahrtausendwende der Lemmingzyklus zusammen. Seitdem hat es keine Lemmingjahre mehr gegeben. Eine ähnliche Entwicklung lässt sich auch weiter nördlich am Zackenberg beobachten.

Niels Schmidt und sein Team haben die Lage in beiden Gebieten untersucht. Die Experten analysierten die seit 1988 (Traill Island) und 1996 (Zackenberg) gesammelten Daten zur Populationsdynamik von Lemmingen, Schneeeulen, Hermelinen, Arktischen Füchsen und Skuas und deckten so deutliche Trends auf. Der Kollaps des Lemmingzyklus bereitet manchen Tierarten offenbar Probleme.

Am stärksten sind die Schneeeulen betroffen. Ihr Bruterfolg ist in beiden Regionen um 98 Prozent gesunken, schreiben die Forscher in der im Fachblatt "Proceedings of the Royal Society B" veröffentlichten Studie. Auch bei den Hermelinen gibt es dramatische Rückgänge. Am Zackenberg scheinen sie fast komplett verschwunden zu sein. Auf Traill Island konnten die Forscher jedoch in den letzten Jahren wieder eine Zunahme von Hermelinen beobachten. Vielleicht eine Folge des Schneeeulen-Schwundes, denn die Raubvögel fressen auch die Kleinmarder.

Die Hermeline sind auf die Lemmingjagd unter Schnee spezialisiert, erklärt Schmidt. Die agilen Tiere übernehmen gerne die Höhlen ihrer Beute "und benutzen sogar Lemmingfelle als Dämmmaterial". Arktische Füchse und Skuas scheinen weniger unter dem Lemmingmangel zu leiden. Sie nutzen alternative Nahrungsressourcen wie Meerestiere oder Kadaver von Moschusochsen, sagt Schmidt. Dennoch habe der Kollaps des Lemmingzyklus das Potenzial, ganze Ökosysteme zu verändern. (Kurt de Swaaf/DER STANDARD, 13. 9. 2012)