"Leise, elegant und zurückhaltend": Der Schriftsteller Gerhard Amanshauser ist das geblieben, was man einen Geheimtipp nennt.

Gerhard Amanshauser, "Es wäre schön, kein Schriftsteller zu sein". Tagebücher, EUR 26,90 / 400 S., Residenz, St. Pölten

Foto: Residenz Verlag

Daniel Kehlmann hat den 2006 verstorbenen Kollegen in einem Vorwort porträtiert.

Gerhard Amanshauser ist einer der höflichsten Schriftsteller. Sein Ton ist leise, elegant und zurückhaltend, ihm geht alles Gewaltsame ab, er greift nicht zu, er will nicht überwältigen. Während eines fruchtbaren Künstlerlebens produzierte er eine lange Reihe kurzer Bücher, luftig, hell und verspielt, die sich neben den besten Werken der deutschen Nachkriegsliteratur nicht verstecken müssen.

Amanshauser mochte Bücher, die man nicht in einem Zug und von vorne bis nach hinten lesen muss, und so schrieb er auch für Anhänger des Blätterns. Seine beiden vielleicht schönsten Bücher (man findet für sie tatsächlich kein spezifischeres Wort als Bücher, sie sind weder Erzählung noch Lyrik, weder Essay noch Aphorismensammlung), das Mansardenbuch und das Terrassenbuch, legen dem Leser ausdrücklich nahe, sich in ihnen so frei und ungezwungen wie möglich zu bewegen. Wohl auch deshalb ist es kein Wunder, dass Amanshauser das geblieben ist, was man einen Geheimtipp nennt: Seine Arbeiten sind schwer zu rezensieren, schwer zu beschreiben, schwer in wenigen Worten zu empfehlen, ja schwer auf einen Punkt zu bringen - und doch sind sie durchwegs leicht zu lesen, immer ein Vergnügen, oft eine Erfahrung, die einen auf seltsame Weise glücklich macht. Vor allem liegt das an der Intelligenz, die all seine Sätze durchdringt, es liegt an der subtilen Eleganz seines Stils und eben an jener vielleicht hervorstechendsten Eigenschaft: seiner höflichen Zurückhaltung, nicht bloß vor dem Leser, sondern auch gegenüber den Figuren und Dingen, die er beschreibt.

Aus all diesen Gründen ist er der ideale Tagebuchautor. Im Tagebuch geht es schließlich immer um alles, es geht um die weite, nicht in ein narratives Korsett gespannte Welt, es geht um Offenheit und Neugier, und selbstverständlich geht es um die Person, die sich schreibend in den Mittelpunkt stellt. Man kann Freude an einem Roman haben und doch dessen Autor nicht mögen; bei einem Tagebuch wäre das schwieriger, ja vielleicht unmöglich. Es ist also nicht unwichtig, dass der Mann, der uns aus diesen Aufzeichnungen entgegentritt, ein liebenswürdiger Mensch ist, nie beeinflusst von Neid, Ressentiment und Hinterhältigkeit, jenen Gefühlen, die typisch österreichisch zu nennen zwar ein Klischee ist, aber leider trotzdem richtig. Nur selten und erst gegen Ende zeigt Amanshauser gelegentliche Anflüge von Bitterkeit; man liest das fast mit Erleichterung, er wäre einem sonst unheimlich geworden. Natürlich ist er immer zu den schärfsten Urteilen fähig, aber gerade in ihnen spricht er als sachlich klarer Beobachter. Zum Beispiel haben unzählige Journalisten über den ostdeutschen Schriftsteller Franz Fühmann geschrieben, aber keiner hat solche Zeilen zustande gebracht:

Nachher, bei der "Diskussion", erzählt er sehr interessant von seinem Bekehrungsweg: Nationalsozialist-Stalinist-Mythenbearbeiter. Er ist eigentlich Mitläufer und Anbeter, der die Solidarität mit Gruppen liebt, sehr gutmütig, moralisch betulich und ohne Schärfe. Der Oberteil seines Gesichts wirkt wie eine erstarrte Clownsmaske, während um den Mund das Faltenwerk eines Rezitators liegt.

Diarien eignen sich ideal zum Vor- und Zurückblättern, man muss dieses Buch nicht in einem durch und von vorne nach hinten lesen, ja vielleicht sollte man das nicht einmal versuchen. Die beste, die Amanshauser gemäßeste Art der Lektüre wäre wohl, ausführlich darin zu blättern, an einem hellen und angenehmen Ort, einem Garten am besten, neugierig, aber nicht überkonzen triert, offen für das, was um ei - nen vorgeht, offen zugleich für Amanshausers unverwechselbare Stimme.

Ein warmer Föhntag. Der Schatten der Linde fällt schon bis vors Haus. Man fühlt, wie die Sonne nicht mehr herrscht, nur mehr Abschiedsgeschenke gibt. In der Wiese steht ein Sessel, auf dem Gewürzpflanzen platziert sind, und dort bildete sich nach dem Gießen an der Unterseite immer wieder ein langsam fallender Tropfen, der am Anfang alle Regenbogenfarben vom tiefen Rot bis zum Blau herüberblitzen ließ, intensiv, dann weiß erstrahlt und schließlich ins Grau fiel.

Solche Passagen gelingen ohne programmatischen Pomp. Amanshauser propagiert kein "sanftes Gesetz", huldigt nicht einem "Kleinen", das wichtiger sei als das "Große"; er ist an solchen Abstrakta nicht interessiert, er sieht hin und beschreibt so, dass alles klein ist und alles groß und das Existenzielle ganz aufgeht in der Beobachtung.

Maximum der Hitzewelle, die schon seit ca. 14 Tagen dauert. Nach der Blütezeit der Feuerlilien zur Sonnenwende beginnen dann die gelben Nachtkerzen, die, um gekehrt wie die Feuerlilien, in der Abenddämmerung aufblühen, gegen 9 Uhr, und zwar in 2 Entfaltungsetappen, die so plötzlich sind. Man staunt, wenn man Pflanzen sich so schnell bewegen sieht, als würde ein Schirm entfaltet. Ich lebe in den Tag hinein, ins Jahr hinein, in den Tod hinein.

Wenn man in diesen Aufzeichnungen gelesen hat, so hat man nicht nur einen bedeutenden und viel zu unbekannten Schriftsteller - nein, es ist einem, als hätte man die Welt selbst als etwas Reiches und Vielfältiges wiederentdeckt. Schnee über Nacht, heißt es in der erstaunlichen Eintragung, die diesem Band den Namen gegeben hat, noch gestern mildes Herbstwetter beim Blätterkehren im Garten. Es wäre schön, kein Schrift steller zu sein. Schon möglich, möchte man antworten, aber es ist auch schön, einer zu sein und aufmerksam und in Gesellschaft von Sprache und Gedanken sein Leben zu führen. Der beste Beweis dafür ist dieses Buch. (Daniel Kehlmann, Album, DER STANDARD, 15./16.9.2012)