258.300 Euro sollten eigentlich für den Unterhalt eines Bischofs ausreichen.

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Dieser Tage versuchten die Buchautoren Carsten Frerk und Christoph Baumgarten, Licht ins Dunkel der Kirchenfinanzen zu bringen. Man muss nicht in allen Analysen und Schlussfolgerungen übereinstimmen, um zur respektvollen Bewertung zu kommen, dass hier erstmals eine substanzielle, breit gefächerte Recherche stattgefunden hat. Die Reaktion der Kirche: Der Mediensprecher der Bischofskonferenz, Paul Wuthe, agierte leider nach der Taktik "Tarnen und täuschen". An ihn richtet ChurchWatch daher folgende offene E-Mail:

Lieber Paul Wuthe,

so eine richtige Falschinformation ist eigentlich gar nicht Dein Stil. Ich hoffe daher, dass Du das bald richtigstellen und dein Bedauern ausdrücken wirst. In Abwehr des Buches "Gottes Werk und unser Beitrag. Kirchenfinanzierung in Österreich" hast Du nämlich gesagt:

"Die katholische Kirche finanziert ihre Kernaufgaben im Bereich der Glaubensverkündigung, des Gottesdienstes und der karitativen Hilfe selbst." Das ist natürlich grundfalsch. Du weißt genau, dass der Religionsunterricht in Österreich eine der wichtigsten Stützen der Lehre und der Verkündigung der Kirche ist. Über ihre eigene Struktur, die Pfarren, erreicht die Kirche ihre Mitglieder nämlich kaum. Ein kleines Beispiel: In den Volksschulen ist der Religionsunterricht auch der wichtigste Zubringerdienst für die Erstkommunion. Die überwiegende Zahl der Zweitklassler, welche die Erstkommunion erhalten, würde ohne Religionsunterricht gar nicht den Weg zu dieser Feier finden. Und: Ohne Religionsunterricht würden die Kinder - angesichts eines dramatischen Nachlassens der Glaubensweitergabe - vermutlich bald fragen, warum ein Mensch an das Kreuz genagelt ist und nicht der Osterhase.

Die Kirchenmitglieder bringen über den Kirchenbeitrag in Österreich 393 Millionen Euro auf. Der Staat leistet für den Religionsunterricht nach Berechnungen der Buchautoren mindestens 250 Millionen Euro pro Jahr (die Zahl wurde von Dir nicht dementiert). Ein wesentlicher Kernauftrag ist also staatlich finanziert. Der Staat sorgt darüber hinaus noch für die Ausbildung der Lehrer, ja sogar für jene theologische Ausbildung, die eine Voraussetzung für die Priesterweihe ist. Das ist einmal der Sachverhalt (ob das gut oder schlecht, wünschenswert oder abzulehnen ist, ist eine ganz andere, politische Frage).

PR-mäßig hast du ja einen geschickten Schachzug gewählt: Du hast die spärlichen Zahlen, die es über die Kirchenfinanzen seit Jahren gibt, einfach zusammenaddiert - und das als neue Transparenz verkauft (kirchenfinanzierung.katholisch.at). 

Du weißt aber genau, dass diese neun Rechenschaftsberichte der Diözesen nur einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit beleuchten (in etwa so, als würde man das Budget der Landesregierungen addiert als gesamtes Staatsvermögen ausweisen und den Bund, die tausenden Gemeinden und alle staatlichen Betriebe unerwähnt lassen). Dem die Überschrift "Finanzgebarung der Katholischen Kirche (2010)" zu geben, ist eine so vorsätzliche Irreführung, dass man es auch als Lüge bezeichnen kann.

Besonders bedrückend finde ich, dass man das Thema der Privatschatullen der Bischöfe nach wie vor totschweigt. Hier hat das Buch erstmals in Österreich wirklich recherchiert - vermutlich nur einen kleinen Teil. Es ist ein Anachronismus aus feudalistischen Zeiten, dass es eigene Wirtschaftsbetriebe, die sogenannten Mensalgüter, gibt, deren Erträge dem Bischof für seine private Lebensführung zur Verfügung stehen und über die keinerlei Rechenschaft abgelegt werden muss. Was spricht dagegen, ein vernünftiges Besoldungsschema für Bischöfe einzuführen und diese Wirtschaftsgüter den jeweiligen diözesanen Gremien zu unterstellen, wie ich schon einmal vorgeschlagen habe (vgl. Transparenzdatenbank Kirche)?

Anhand der genannten Recherche kann man plausibel errechnen, dass einzelne Bischöfe über Erträge frei verfügen, die eine Million Euro übersteigen. Auch diese Zahlen wurden von Dir nicht dementiert. Dich würde es ein Telefonat kosten, festzustellen, ob diese Fakten stimmen (wenn Du es nicht ohnehin weißt).

Ein Beispiel dazu, das mit der letzten Detailzahl gar nicht in dem Buch aufscheint: Am 13. Juni 2012 wurden in die Schatulle des Wiener Erzbischofs 258.300 Euro als Dividende des Bankhauses Schelhammer & Schattera überwiesen. Zum Vergleich: Der Jahresbezug des Bundeskanzlers, der nicht - wie die Bischöfe - in besonderer Weise der Armut verpflichtet ist, beträgt 285.600 Euro. Diese Dividende, die auf einen 10,25-prozentigen Besitzanteil an der Bank zurückgeht, würde also locker ausreichen, um den Erzbischof zu versorgen. Die weiteren millionenschweren Latifundien, für deren Verwaltung allein ein fünfköpfiges Büro benötigt wird, wären also gar nicht nötig, wenn es um den Lebensunterhalt des Oberhirten geht.

Wie lange, glaubst Du, kann man dieses Thema totschweigen? Wäre es nicht längst nötig, hier eine transparente, angemessene Lösung zu finden? Kann man das Thema aus den überall stattfindenden Diskussionen über einen Rückbau der kirchlichen Infrastruktur, die einem enormen Spardruck Rechnung tragen, ausklammern?

Auf eine Antwort hoffend
mit lieben Grüßen

Dein Wolfgang Bergmann

PS: Auf der kirchlichen Finanzhomepage findet sich dies als Antwort auf die selbst gestellte Frage, ob die Kirche reich sei: "Der eigentliche Reichtum der Kirche sind das Evangelium Jesu Christi und die Gläubigen, die die (sic!) sich als Christen im Alltag bewähren." Vor dem Hintergrund des versteckten Vermögens ist diese Lyrik eine Frotzelei.

PPS: Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Verantwortung der Päpste und des Vatikans am internationalen Missbrauchsskandal geklärt werden muss. Der derzeitige Papst hat bisher lediglich zur Schuld einzelner Priester und Bischöfe Stellung genommen. Zu den Vorgängen innerhalb der vatikanischen Mauern fand er kein Wort. Benedikts beharrliches Schweigen dazu macht ihn als Papst unglaubwürdig.

PPPS: Den nächsten Blog gibt es am 1. Oktober. (Wolfgang Bergmann, derStandard.at, 17.9.2012)