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Franco Fiorito, der schwergewichtige Berlusconi-Mann in Latium, gilt als zentrale Figur in dem Skandal.

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Ein gigantischer Skandal um die Veruntreuung öffentlicher Gelder könnte zur Implosion von Silvio Berlusconis Partei "Volk der Freiheit" (Popolo della Libertà, PDL) führen. Die PDL-Fraktion im Regionalrat der Hauptstadtregion Latium um ihren Ex-Vorsitzenden Franco Fiorito hat Millionen in die eigenen Taschen geschaufelt. Nach einer Brandrede im Regionalparlament wurde die Präsidentin Renata Polverini am Mittwochabend von Berlusconi am Rücktritt gehindert: "Das wäre der Todesstoß für unsere Partei."

Die Folgen könnten "schlimmer sein als die Bombardierung Dresdens", befürchtet ein enger Vertrauter des Cavaliere. Die Wirtschaftszeitung Il sole24ore sprach von einem "schwarzen Loch", das Rechtsblatt Libero verspottete den PDL als "Palude della libertà" (Sumpf der Freiheit).

Erste Ermittlungen der Staatsanwaltschaft lassen den Regionalrat als riesige Versorgungsanstalt erscheinen: 660 Bedienstete, 270 bezahlte Berater, Gesamtkosten von über 100 Millionen im Jahr. Einträgliche Verträge für Freunde und Verwandte von Politikern, Monatsgehälter von 13.300 Euro für die Regierungsmitglieder, eine Beteiligungsgesellschaft mit 1370 Beschäftigten. Dazu Franco Fiorito, der trotz seiner 180 Kilo den schmeichelhaften Übernamen Batman trägt und über acht Villen im In- und Ausland, eine Jacht und zahlreiche Bankkonten in Spanien verfügt.

Zum achtstündigen Verhör erschien er mit Kartons voll Unterlagen, die mindestens acht weitere Abgeordnete belasten. Fiorito: "Ich habe kein Geld gestohlen, sondern nur verteilt. Das war ein System." Der Skandal, dessen volles Ausmaß noch nicht absehbar ist, könnte für Italiens angeschlagene Parteien zum politischen Erdbeben werden.

Geld und Klüngel

"Ein deprimierendes Schauspiel demokratischen, moralischen und zivilen Niedergangs", klagt La Stampa. Nicht nur die Abgeordneten genehmigten sich großzügige Vergütungen und stellten serienweise Schecks aus, auch deren Verwandten kamen nicht zu kurz. Während der Generalsekretär der Region ein Jahresgehalt von fast 200.000 Euro kassiert, darf seine Frau für 122.000 Euro "die Verwirklichung des Regierungsprogramms überwachen". Keine anspruchsvolle Arbeit - der Regionalrat hat im letzten Halbjahr gerade einmal acht Gesetze verabschiedet. Präsidentin Polverini ersuchte die Bürger um Entschuldigung. Am Freitag will sie im Regionalrat ein drastisches Sparprogramm durchsetzen: "La festa è finita" (Das Fest ist aus). Ob sie anschließend zurücktritt, bleibt ungewiss.

Sechs Monate vor den Wahlen trifft der Skandal Berlusconis zerrüttetes "Volk der Freiheit" ins Mark. Einen "Dominoeffekt" will der Cavaliere mit allen Mittel verhindern: "Ich fühle die Verpflichtung, das Land nicht der Linken zu überlassen." Am Donnerstag trafen einander die Spitzen seiner Partei in seinem römischen Palazzo Grazioli zu Beratungen in einer Krisensitzung. (Gerhard Mumelter, DER STANDARD, 21.9.2012)