Viele Menschen stellen sich die Frage, ob Regulierer und Gesetzgeber die Fehler im Finanzsystem behoben haben, die die Welt fast an den Rand einer zweiten großen Depression gebracht hätten. Die kurze Antwort lautet: Nein.

Fundamental hat sich wenig geändert. Die nach der Krise eingeführten Gesetze und Regulierungsmaßnahmen waren hauptsächlich Flickschusterei, um den Status quo beibehalten zu können. Politiker und Regulierer haben weder den politischen Mut noch die intellektuelle Überzeugung, die für die Rückkehr zu einem viel klareren und ehrlicheren System erforderlich sind.

Andy Haldane von der Bank of England hat kürzlich dringend dazu aufgefordert, zu einer einfacheren Bankenregulierung zurückzukehren. Haldane bemängelte zu Recht, dass sich die Bankenregulierung von einer kleinen Anzahl sehr spezifischer Richtlinien hin zu einer Masse komplizierter Algorithmen zur Messung von Risiko und Kapitaldeckung entwickelt hat. Parallel dazu nimmt die Komplexität der Gesetze exponentiell zu.

Der Glass-Steagall Act, der 1933 in den USA verabschiedet wurde, umfasste nur 37 Seiten und hat sieben Jahrzehnte lang finanzielle Stabilität geschaffen. Der aktuelle Dodd-Frank Act ist 848 Seiten lang und verpflichtet die Regulierungsbehörden dazu, mehrere hundert zusätzliche Dokumente mit noch detaillierteren Regeln zu erstellen. Zusammen dürfte das Gesetz rund 30.000 Seiten umfassen.

Wie Haldane bemerkt, wurde sogar die gefeierte "Volcker-Regel" zur besseren Trennung zwischen den Geschäftsbanken und dem riskanteren Investmentbereich stark verwässert. Das Problem ist einfach: Da das Finanzwesen komplizierter geworden ist, haben die Regulierer versucht, durch immer kompliziertere Regeln Schritt zu halten. Bei dieser gegenseitigen Aufrüstung haben unterfinanzierte Regierungsbehörden keine Chance auf einen Sieg.

Die klarsten und effektivsten Methoden zur Vereinfachung der Regulierung wurden in einer Reihe wichtiger Veröffentlichungen von Anat Admati aus Stanford aufgestellt. Ihr Kernpunkt besteht darin, dass Finanzunternehmen dazu gezwungen werden sollten, eine stabilere Balance zu halten und sich nicht so sehr auf Kreditfinanzierung zu verlassen. Admati und ihre Kollegen empfehlen Maßnahmen, die Finanzunternehmen dazu zwingen, Eigenkapitalfinanzierung entweder über Gewinnrücklagen oder im Fall von Aktiengesellschaften über Aktienemission zu betreiben.

Der Status quo erlaubt Banken stattdessen, die Hilfen der Steuerzahler durch hauchdünne Eigenkapitalquoten zu hebeln und sich damit viel stärker von Schulden abhängig zu machen, als es Unternehmen außerhalb der Finanzwirtschaft typischerweise tun. Die Finanzindustrie warnt, Versuche zur Durchsetzung höherer Eigenkapitalfinanzierung würden die Kreditvergabe blockieren, aber im Rahmen eines allgemeinen Marktgleichgewichts ist dies einfach Unsinn.

Trotzdem bewegen sich die Regierungen an dieser Front nur sehr zögernd vorwärts, und die neuen Basel-III-Regeln sind bestenfalls ein winziger Schritt hin zu echter Veränderung. Ein einfacheres und transparenteres System würde letztlich zu höherer Kreditvergabe und größerer Stabilität führen, und nicht umgekehrt. (Kenneth Rogoff, © Project Syndicate, 2012. Aus dem Englischen von Harald Eckhoff. (DER STANDARD, 22.9.2012)