Im "Garten des biologischen Ungehorsams" findet man ...

Foto: Anne Katrin Feßler

... neben Saatbomben ...

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... auch Zeichnungen von Pilzen, die auf Kreditkarten sprießen.

Foto: Anne Katrin Feßler

Blick auf den Camp-Stundenplan.

Foto: Anne Katrin Feßler

Drei Augenpaare widmeten sich den ersten 48 Stunden im enthusiastischen Kollektiv.

Graz - Das Gewächshaus als Sinnbild für den Steirischen Herbst: ein lichtes Glashaus aus Fenstern jeder Größe und Farbe, das keine klare Linie bildet, dafür Lücken und Ecken: Räume wie gemacht, um aus dem gewohnten Rahmen auszubrechen. Aus 1980er-Jahre- Schrankwand und Omas Küchenkredenz, aus Gelsenkirchener Barock und Biedermeier hat Raumlabor Berlin die Festivalarchitektur gezimmert. Eine Assemblage aus Ausrangiertem, die im wiederverwerten Zivilisationsmüll nachhaltig ist und über die Vereinigung von Epochen auch verschiedenste Haltungen zur Welt collagiert.

Entstanden ist eine Form-Follows-Function-Hülle für die polyperspektivische Gedankenfabrik des Camps Truth is concrete. Dies zeigt sieben Tage lang, wie Kunst konkret auf komplexe Probleme reagiert. Keine Wissenschaftsklausur, sondern Ouvertüre mit Aktivisten und Künstlern und 170 Stunden Programm. der Standard nahm drei Blickwinkel zum Marathon ein.

Eins: Sextremismus

Rebellion muss Spaß machen und Aktivismus cool sein. Ganz out ist bei den heutigen Anhängern kreativer politischer Opposition militaristische Verbissenheit à la Baader-Meinhof. Geiselnahmen oder Selbstmordanschläge? Nur das nicht. Für Fantasie statt Brandstiftung wirbt etwa der Belgrader "Laughtivist" Srda Popovic, und für Busen statt Bomben die Gruppe Femen aus Kiew.

Trainiert an langwierigem zähen Widerstand gegen Slobodan Milosevic, bietet Popovic, der heute die Non-Profit-Institution Canvas leitet, taktische Unterstützung für Aktivisten an: Auf Basis von Gewaltlosigkeit werden mit originellen Ideen die Schwächen totalitärer Systeme ausgenutzt.

In diese Kerbe schlägt das österreichisch-iranische Filmer-Brüderpaar Arash und Arman T. Riahi. Mit Online-Plattform, Dokumentarfilm, interaktiven Spielen und Apps im Netz zielen die Riahis auf das weite kreative Feld im Rebellionsalltag. Im "Tactic Talk" stellten sie Ideen zwischen Dramaturgie, Crowdfunding und Sicherheit bei Protestaktionen vor.

Den männlichen Taktiken stellten die "Pop-Feministinnen" Alexandra und Inna Shevchenko ihre praktischen Erfahrungen gegenüber: "Wir entwickeln unsere eigenen Strategien." Die unter der Bezeichnung Femen weltberühmt gewordenen Aktivistinnen begnügen sich nicht mit einem akademischen Feminismus, sondern leben einen performativen "Sextremismus". Männer sollen nicht nachgeahmt werden, denn der weibliche Körper ist als Waffe mächtig genug. Grundsätzlich zeichnet sich zurzeit im internationalen aktivistischen Widerstand eine Wende in Richtung weiblicher Medienperformance ab, wie jüngst auch Pussy Riot in der Moskauer Erlöserkathedrale zeigten.

Zwei: Lückenfüller

In Katherine Balls Garten des biologischen Ungehorsams stößt man auf Guerilla-Pilze, wie den Schopftintling, der Asphalt aufbrechen kann. Ein schönes Bild für im Camp zerbröselnde Denkmuster und Naivität: Wie etwa der Irrglaube, Kunst besäße heute mehr Freiräume. Den Zahn zieht Kurator Wolfgang Fenz, der von Herbst-Projekten erzählt: Hans Haackes an Graz als "Stadt der Volkserhebung" 1938 erinnernde Arbeit Und ihr habt doch gesiegt (1988) würde heute an Bürokratie und Verantwortlichen scheitern.

Tags darauf erhärtet sich das: Die Gruppe Wochenklausur erzählt, wie sie 1995 in Graz illegale Einwanderer legalisierte. Gesetzeslücken ausnutzend, machte sie aus Flüchtlingen Künstler. Die Novelle 2006 schloss diesen Freiraum. Angestachelt zu Ideen sozialen Ungehorsams (angesichts horrender Mietpreise etwa Squatten und bei Wohnungsbesichtigungen Protestpartys feiern wie Jeudi noir), stößt man spätabends an die Campgrenzen: Restriktive Stadtpolitik untersagt das Trinken im öffentlichen Raum. Der innere Widerstand findet beim 5-Uhr-Früh-Ausflug mit Theater im Bahnhof Antworten: Am Platz der Menschenrechte im Stadtpark wird gemeinsam eine Rede des katholischen, konservativen Bürgermeisters Siegfried Nagl performt.

Innerer Friede dann beim Yoga und Tantra-Singen mit Sri Louise: Ihr Untergrund-Yoga distanziert sich von der In-Sich-Selbst-Versunkenheit konsumistischer Yoga-Praxen. Beweg den Körper, der Geist wird folgen! Das lebt auch der charismatische Ex-Bürgermeister von Bogotá, Antanas Mockus: Gießt Löffel aus Waffen!

Drei: "Sind wir echt?"

Am Samstag fand die erste Assembly im Camp statt, eine basisdemokratische Versammlung, typisch für Occupy. Hier wird diskutiert und zugehört. Weil manche auf der Bühne sitzen, andere im Zuschauerraum, fragt ein russischer Künstler irritiert: "Sind wir echt? Oder ist das eine Performance?"

Man ist echt. Und viele, wie Aktivist Noah von Occupy New York oder der Moderator der Assembly, Hector Huerga, wollen Nachhaltiges schaffen. Die gegründeten fünf Arbeitsgruppen sitzen teilweise noch zusammen, als nachts Annie Dorsen zum Spoken Karaoke lädt - mit Reden von Maggie Thatcher bis Jesus. Das Plädoyer der inhaftierten Pussy-Riot-Frau Nadezhda Tolokonnikova mit Bierdose nachzuäffen, wie dies eine Frau versuchte, sorgte jedoch nicht nur bei russischen Künstlerkollegen für Unmut. Aber Karaoke muss eben auch peinlich sein.

Peinlich ist es auch, dass man im Grazer Rathaus Homosexuelle nicht in den Trauungssaal lässt, wenn sie ihre Partnerschaft eintragen lassen. Ein Fall für Paul Harfleet: Der Londoner pflanzt überall, wo Schwule diskriminiert werden, Stiefmütterchen. (Im Englischen bedeutet Pansy auch Schwuler.) Er fand dafür ein Plätzchen neben dem Rathaus. Möge die Toleranz dort erblühen. (Anne Katrin Feßler/Helmut Ploebst/Colette M. Schmidt, DER STANDARD, 24.9.2012)