Teoman Tiftik: Nur "bad news are good news"?

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In seinem 1996 erschienen Buch "Kampf der Kulturen" ging der US-Politologe Samuel Huntington davon aus, dass ein Konflikt zwischen verschiedenen Kulturkreisen, insbesondere dem westlichen und dem islamischen, unausweichlich sei. Heute sehen wir in den Medien US-Flaggenverbrennungen und wütende, oft vermummte Menschenmassen, die schwarze Spruchbänder mit arabischer Schrift schwenken. Und nicht wenige Kommentatoren sehen Huntingtons These dadurch im wahrsten Sinne " anschaulich" bestätigt. Tatsächlich aber hat die große Mehrheit der muslimischen Weltbevölkerung auf das amerikanische Hassvideo nicht mit Gewalt reagiert.

Verzerrte Berichterstattung hatte schon im späten 20. und frühen 21. Jahrhundert einen fatalen Einfluss auf die Weltpolitik und dieser Trend scheint sich in diesen Tagen fortzusetzen oder gar zuzuspitzen.

Faktum ist: Die westliche Mehrheitsgesellschaft denkt negativ über "den Islam", weil schon das Wort sofort, wenn auch oft nur im Unterbewusstsein, mit "Gewaltbereitschaft" assoziiert wird. Der 11. September, Anschläge auf Botschaften, weinende Amerikaner und Europäer und immer wieder die um brennende Trümmer tanzenden Fundamentalisten - solche Szenen nisten sich im Hirn ein, selbst wenn man versucht, ganz frei von diesen Gedanken zu sein.

Die "islamische Welt" - das sind 1,7 Milliarden Menschen, aber wenn ein paar Hundert fanatische Demonstranten in einer Zwölf-Millionen-Stadt wie zum Beispiel Kairo zusammenkommen, dann gibt es umgehend die ersten "Wut"-Bilder in den Medien (Dank an den STANDARD, der das an dieser Stelle am Wochenende auch mit angemessenem Sarkasmus thematisiert hat).

Normale Muslime, die täglich still ihren Glauben leben, werden gemäßigte oder moderate Muslime genannt, als ob sie die große Ausnahme wären. Aber so ist die Medienwelt: Bad news are good news. Wen interessieren schon friedliche Durchschnittsbürger und ihr ganz alltägliches Arbeits- und Familienleben? Wir brauchen wutverzerrte Gesichter, Steine und Molotow-Cocktails, denn Islamkritik generiert Klicks, bringt Quote und lenkt ab. Egal, ob Finanzkrise, Korruption im eigenen Land oder soziale Probleme, alles ist plötzlich im Abseits. Und dann genügt schon ein Zwei-Minuten- Video von einem vorbestraften Pornoregisseur, um Unruhe zu stiften, und den Medien Material über Wochen zu liefern.

Natürlich ist es ein reines Provokationsvideo - aber die große Mehrheit der Muslime durchschaut die Absicht. Natürlich bin auch ich nicht erfreut über Karikaturen und Filme, die meine Religion verhöhnen, den Propheten als Frauenheld, Kinderschänder und blutrünstigen Barbaren zeigen, genauso wie es ein Christ nicht gut finden würde, wenn seine Religion beleidigt wird. Aber 99 Prozent der Muslime lassen sich von so etwas nicht provozieren, weil die wahren Opfer immer unschuldige Menschen sind wie der getötete US-Botschafter Christopher Stevens. Und weil zig Millionen friedliche Muslime mit völlig verrückten fundamentalistischen Extremisten nicht in einen Topf geworfen werden wollen. In Libyen geht das so weit, dass nun besorgte Bürger Jagd auf Extremisten machen, um nicht länger mit ihnen gleichgesetzt zu werden und um zu zeigen: "Sie gehören nicht zu uns!"

Die kursierenden Videos kommen natürlich den radikalen und selbsternannten Gläubigen mindestens genauso zupass wie den rechten Parteien, die stets auf der Suche nach "Zündstoff" sind. International werden die Angriffe zwar scharf verurteilt. Muslime, die eigentlich am meisten zu dem Thema zu sagen haben, kommen aber kaum zu Wort.

Es entsteht dabei auch so etwas wie ein Abwendungs-Solidarisierungs-Paradoxon: Einerseits wenden sich junge Muslime ab, und sagen: "Wir gehören nicht zu den radikalen Verrückten, die in einer Hand den heiligen Koran halten und in der anderen Hand ein Maschinengewehr. Das hat mit dem Islam nichts zu tun." Auf der anderen Seite solidarisieren sie sich untereinander und fühlen sich in ihrem Glauben verletzt und ausgestoßen.

Und noch etwas: Seit ich denken kann, werde ich immer nur nach denselben zwei Dingen im Islam gefragt (wenn ich überhaupt gefragt werde): warum wir kein Schweinefleisch essen oder warum unsere Mütter Kopftuch tragen. Fragt uns bitte nicht länger, aber sprecht mit uns, wie wir uns fühlen, wenn solche Provokationskampagnen gestartet werden, und darüber, dass wir die andere Seite ebenso verurteilen, die diese Provokation bewusst instrumentalisiert. Nur so können wir diesem Konflikt den Wind aus den Segeln nehmen. (Teoman Cihan Tiftik, DER STANDARD, 26.9.2012)