Peking - Seit dem Amtsantritt von Chinas Ministerpräsident Wen Jiabao hat dessen Familie einer US-Zeitung zufolge ein Milliardenvermögen angehäuft. Wie die "New York Times" am Freitag unter Berufung auf Unterlagen von Unternehmen und des Staates berichtete, kontrolliert sie Werte im Umfang von umgerechnet mindestens 2,7 Milliarden Dollar. Der größte Teil davon sei seit Wens Ernennung zum Vize-Premier 1998 zusammengetragen worden. Er wurde 2003 Ministerpräsident.

Der Zeitung zufolge verfügt Wen selbst über keine entsprechenden Firmenbeteiligungen, genannt werden aber seine Mutter, sein Sohn, seine Tochter, der jüngere Bruder und sein Schwager. Die heute 90-jährige Mutter erwarb demnach 2007 einen Anteil im Wert von 120 Millionen Dollar an der Versicherung Ping An. Diese profitierte von Reformen der Regierung Wens.

Der Bericht steht dem Bild Wens entgegen, ein bescheidener Staatsdiener zu sein, der streng gegen Korruption und Vetternwirtschaft in der Volksrepublik vorgeht. Freitagfrüh waren in China die Internet-Seiten der "New York Times" in Englisch und Chinesisch gesperrt. Auch Suchanfragen mit den Namen von Wen und seiner Familie wurden blockiert. Ein Sprecher des Außenministeriums in Peking sagte zu dem Bericht, er "ziehe Chinas Namen in den Schmutz". Zu den gesperrten Websites sagte er: "China verwaltet das Internet in Übereinstimmung mit seinen Gesetzen und Vorschriften."

"Nur ein kleiner Teil der chinesischen Internetnutzer wird von diesem Artikel erfahren", sagte der auf die chinesische Politik spezialisierte Sinologe Willy Lam der Nachrichtenagentur AFP. Er schätzte die Zahl der Nutzer, die von dem Artikel wüssten, auf fünf bis zehn Prozent

Staatsgeheimnis

In dem kommunistischen Land werden Einzelheiten aus dem Leben der Führungsspitze wie Staatsgeheimnisse behandelt. Die finanzielle Situation der Politiker wird unter Verschluss gehalten. Die Nachrichtenagentur Bloomberg hatte im Juli berichtet, die Familie von Vize-Präsident Xi Jinping - vermutlich der nächste Präsident - habe auch ein großes Vermögen angehäuft. Seitdem ist die Website von Bloomberg gesperrt. Für den größten politischen Skandal in China sorgte das hochrangige Parteimitglied Bo Xilai. Er wird unter anderem der Korruption und Bestechung beschuldigt. Bo wurde aus der Partei ausgeschlossen, verlor am Freitag seinen Parlamentssitz und dürfte vor Gericht gestellt werden.

In China steht in den kommenden Monaten ein umfassender Führungswechsel an. Am 8. November soll dies der alle fünf Jahre stattfindende Volkskongress vorbereiten. Es wird erwartet, dass Staatspräsident und Parteichef Hu Jintao kurz vor seinem 70. Geburtstag im Dezember von seinem bisherigen Stellvertreter Xi Jinping beerbt wird. Ministerpräsident Wen dürfte von seinem Vize Li Keqiang abgelöst werden. (APA/Reuters, 26.10.2012)