Rainer Petek: "Es geht darum, die Zukunft zu gestalten, nicht, sie im Vorhinein wissen zu wollen. Die Möglichkeiten im Umgang mit dem Ungewissen sind weit größer, als wir meinen."

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"In Hochdruck-Situationen ist es am wichtigsten, sich eine gewisse Besonnenheit und Angstfreiheit zu bewahren."

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Die Nordwand der Grandes Jorasses mit dem Walker Pfeiler.

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Das Nordwand-Prinzip. Wie Sie das Ungewisse managen. Neues Denken, neues Handeln, neue Wege gehen.
Linde Verlag, 2., aktualisierte Auflage, 256 Seiten, 19,90 Euro

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US-Präsident Barack Obama bleibt im Amt. Zwar kurbelte er in den vergangenen vier Jahren mit einem Konjunkturprogramm die Wirtschaft an, setzte eine historische Gesundheitsreform durch, beendete den Irak-Krieg und führte Kontrollen für Banken ein. Doch vor ihm liegt ein Berg an Arbeit: Arbeitslosigkeit, Staatschulden und die drohende "fiskale Klippe".

Der Kärntner Rainer Petek durchstieg bereits als 19-Jähriger eine der schwierigsten Routen der Alpen: Die Nordwand der Grandes Jorasses im Mont-Blanc-Gebiet. Im Interview mit derStandard.at spricht der Organisations-Entwickler und Extrembergsteiger darüber, wie Manager durch das "Nordwand-Prinzip" die Leistungen ihrer Organisationen steigern können, welchen Rat er Barack Obama zum Klettern mitgeben würde und warum das Ungewisse Chancen bietet.

derStandard.at: Wenn Barack Obama heute anruft und mit Ihnen die Gelbe Kante in den Dolomiten besteigen will, was würden Sie ihm raten?

Petek: Ich würde ihm raten, er soll nicht alleine kommen, sondern auch einen Republikaner mitbringen. Vielleicht könnte das zu einem Schulterschluss beitragen, der für die Lösung der größten Probleme sicherlich notwendig ist. Beim Bergsteigen zeigt sich unmittelbar, dass eine schwierige Aufgabe nur mit einem gemeinsamen Wollen zu meistern ist. In Politik und Wirtschaft verhält es sich nicht anders: Es geht darum, dass ein gemeinsames Anliegen als ein solches erkannt und gemeinschaftlich gelöst wird. Dazu müssen zwar nicht alle immer in dieselbe Richtung marschieren, es braucht auch Vielfalt und konstruktive Abweichler. Aber im Kern der Sache braucht es Einigkeit.

derStandard.at: In Ihrem Buch "Das Nordwand-Prinzip" sprechen Sie davon, wie gefährlich die Rivalität in der Seilschaft sein kann.

Petek: Vorweg: Rivalität in der Seilschaft gibt es wenig. Doch dort, wo sie vorkommt, hat sie sich langfristig nie gut ausgewirkt. Für den Fall, dass beispielsweise einer allein nach einem glorreich bewältigten Aufstieg den Erfolg für sich einheimsen will, kann die gemeinsame Substanz bröckeln.

derStandard.at: Das heißt, wirtschaftlich müsste man an einem gemeinsamen Strang ziehen?

Petek: Das wäre wünschenswert. Nur leider sind die Dinge hier manchmal weniger offensichtlich, als am Berg. In einem Unternehmen, sowie erst recht in einer Gesellschaft, ist das Ursache-Wirkungs-Gefüge zeitlich oft nicht unmittelbar gekoppelt: Dinge, die man nicht gemeinsam bewältigt, wirken sich vielleicht erst viel später und möglicherweise an anderer Stelle aus.

Für Unternehmen werden intelligente Führungsteams, die die Kunst des gemeinsamen Denkens beherrschen, und so zu einem gemeinsamen Willensziel kommen, immer wichtiger. Wille zeigt sich im Handeln: Weg von Powerpoint-Folien, weg von wohlklingenden Worthülsen auf der Verlautbarungsebene hin zu tatsächlicher Umsetzung, zu konkretem Tun.

derStandard.at: Sie sagen weiters "man überschätzt oft, was man in einem Jahr erreichen kann, und unterschätzt, was man in zehn Jahren erreichen kann". Trifft das auch auf die Wirtschaftsentwicklung der USA zu?

Petek: Davon bin ich überzeugt. Setzt man einen Schritt nach dem anderen, arbeitet stetig und beständig, hat auch den Mut zu bestimmten Dingen "nein" zu sagen, ohne das Ziel oder die Grundausrichtung aus den Augen zu verlieren, stellt sich langfristig Erfolg ein. Insofern ist es positiv, dass Obama weitere vier Jahre Zeit hat, seine Ziele voranzutreiben - optimalerweise in Form einer konstruktiven Zusammenarbeit zwischen Opposition und Regierungspartei in wichtigen Fragen.

derStandard.at: Konkurrent Mitt Romney hatte mit der Finanzindustrie eine starke Lobby hinter sich. Nun hat Obama den sprichwörtlichen Berg an Problemen zu lösen. Gibt es Parallelen zum Bergsteigen?

Petek: In Hochdruck-Situationen ist es am wichtigsten, sich eine gewisse Besonnenheit und Angstfreiheit zu bewahren. Am Berg wie in der Wirtschaft ist es von großer Bedeutung, eine sogenannte kollektive Achtsamkeit zu entwickeln. Überall, wo ein gefühltes steiles Hierarchiegefälle besteht, ist es extrem gefährlich, in schwierigen Situationen, Herausforderungen zu meistern. Führungskräfte gelangen nicht mehr an die Informationen aus der Organisation, die sie brauchen würden, um Chancen zu erkennen oder bei Fehlentwicklungen gegensteuern zu können bevor es zu einem Desaster kommt.

derStandard.at: Wie erkennt man in schwierigen Situationen, sei es in Wirtschaft oder beim Bergsteigen, seine Chancen?

Petek: Chancen sind nicht nur etwas Gegebenes, das erkannt werden will, sondern entstehen oft erst durch pro-aktives Handeln. Auf dem Weg zum angestrebten Ziel hat man die Freiheit, unerwartete Ereignisse wahrzunehmen und Schritt für Schritt dazu zu lernen anstatt gleich zu Beginn einen durchanalysierten Plan aufzustellen, der sich mitunter bald schon als obsolet erweisen könnte. Es geht darum, die Zukunft zu gestalten, nicht, sie im vornhinein wissen zu wollen. Die Möglichkeiten im Umgang mit dem Ungewissen sind weit größer als wir meinen.

derStandard.at: Obama setzt in brenzligen Situationen häufig auf seine Spezialwaffe, die First Lady. Das Prinzip der Wechsel-Führungen kennt man auch am Berg.

Petek: Beim Bergsteigen sind Kletterteams als gleichwertige Partner unterwegs. Derjenige, der zum Beispiel besser im Fels ist, wird diese Passagen führen, derjenige, der im Eis der Souveränere ist, wird diese Passagen voran gehen. Hinter den Rollenaufteilungen in der Politik steckt sicher Kalkül. In punkto Medienwirksamkeit werden sie wohl auch Sinn machen.

derStandard.at: Im Rahmen von Workshops sind Sie immer wieder mit Teilnehmern ins freie Gelände gegangen. Wie war das Feedback?

Petek: Eine gemeinsame Outdoor-Erfahrung kann ganz entscheidend dazu beitragen, die Zusammenarbeit im Führungsteam zu fördern und das Vertrauen in sich selbst zu stärken. Im Rahmen einer Strategieklausur zog beispielsweise ein internationales Managementteam das Fazit: "action speaks louder than words" und verwies darauf, dass das zuvor erarbeitete Commitment zu den gemeinsamen Zielen durch die Aktivität wirklich verinnerlicht wurde und nicht bloß schön geschrieben auf den Flipcharts stand. (Sigrid Schamall, derStandard.at, 8.11.2012)