Wien - Der Zeitpunkt der Jahrhundertwende war günstig. Am 1. Jänner 1900 wurde in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie die Kolportagesteuer abgeschafft. Auch dem "kleinen Mann" von der Straße war es damit möglich, sich eine Zeitung zu kaufen. Mit dem Start der "Oesterreichische Kronen Zeitung", gegründet vom Journalisten und Lustpielautor Gustav Davis, wurde dieses Bedürfnis am 2. Jänner 1900 denn auch befriedigt. Eine Zeitung für den "kleinen Mann" blieb die "Krone" bis heute, auch wenn sie es inzwischen - dank Hans Dichand - zum Größten Blatt des Landes geschafft hat.Eine Krone Der Name des Blattes hat einen simplen Grund: Eine Krone kostete die "Oesterreichische Kronen Zeitung" im Monatsabo. Davis konzeptierte das Medium gemeinsam mit dem späteren Chefredakteur Leopold Lipschütz. Erste Höhenflüge machte die Zeitung - schon damals hieß es "only bad news are good news" - wegen der Ermordung des serbischen Königs Alexander und seiner Ehefrau Draga Maschin im Juni 1903. Davis und Lipschütz sandten sofort einen Reporter nach Belgrad, der direkt vom Tatort berichtete. Hundertausende kauften das Blatt, das über Nacht Popularität erlangte. Als die Nationalsozialisten die Macht ergriffen, mussten Davis und Lipschütz die Zeitung verlassen. Die "Krone" selbst wurde als "Kleine Kriegszeitung" weiter geführt. "Opernsängerin und lebensmüde Weiße Maus" "Krone"-Gründer Davis starb schließlich im August 1951. Wenige Jahre danach erwarb Hans Dichand von Davis' Schwiegersohn die Rechte am Titel "Kronen Zeitung" und ließ die Zeitung wieder auferstehen. Die erste Ausgabe der "Neuen Kronen Zeitung" erschien am 11. April 1959. Die Titelgeschichte hieß "Opernsängerin und lebensmüde Weiße Maus" und handelte von einem Verkehrspolizisten, der sich in eine Primadonna verliebt hatte und sich umzubringen versuchte, als sie ihn nicht mehr wollte. Wie so oft lieferte die "Krone" das Happy-End mit. Das Blatt ging weg wie die warmen Semmeln. Heute hält die "Krone" bei rund 2,8 Millionen Lesern täglich. Rund eine Million Exemplare werden nach Schätzungen täglich verkauft, um die 500.000 Stück davon an Abonnenten. Dichand Der Erfolg der "Kronen Zeitung" ist vor allem mit dem Namen Hans Dichand verbunden. Dichand, der aus kleinen Verhältnissen in Graz stammt und sich in dieser Zeit nach Meinung von abgeblichen Branchenkennern sein Gespür für das Leben und die Bedürfnisse der Menschen draußen angeeignet hat, fühlte sich schon als Kind von der "Kronen Zeitung" Gustav Davis' angezogen, die sein Vater gelegentlich nach Hause brachte. Über eine Schriftsetzerlehre landete Dichand - unterbrochen von den Kriegsjahren bei der Marine - bei "Murtaler Zeitung", "Neuer Wiener Tageszeitung", "Kleiner Zeitung" und "Kurier". Als Dichand beim "Kurier" gehen musste, kam er zu dem Ergebnis: "Man ist so lange hilflos, so lange einem die Zeitung nicht gehört." (aus "Götterdämmerung - Die Herren der öffentlichen Meinung" von Herbert Riehl-Heyse, Siedler Verlag). Die "Krone" gehörte Dichand schließlich, als Herausgeber und Chefredakteur. Das Startkapital kam vom damaligen ÖGB-Präsidenten Franz Olah. Falk und andere Konfliktpartner Interne Konflikte beschäftigten die "Kronen Zeitung" in den Sechziger und Siebziger Jahren. Jener mit Dichands Kompagnon Kurt Falk eskalierte, weil Falk, der vom Waschmittelerzeuger Persil kam, der Meinung war, ein Zeitungsverlag sei "auch nix anderes als a Waschmittelfabrik". Dichand konnte Falk schließlich auszahlen. Das Geld dazu - rund 2,2 Milliarden Schilling - kam unter anderem vom deutschen Medienkonzern WAZ, der im Gegenzug 45 und später weitere fünf Prozent an der "Krone" übernahm. Die WAZ kaufte später auch 49,5 Prozent am "Kurier". Über die gemeinsame Vertriebstochter Mediaprint sind "Krone" und "Kurier" seit damals verflochten. Ich bin weder Rassist noch gegen Ausländer Kritiker und Intellektuelle warfen den Blattmachern der "Krone" in der Vergangenheit vor, mit niederen Instinkten zu spielen und ausländerfeindliche sowie antisemitische Töne zu verbreiten. Mit dieser Kritik kann Dichand nichts anfangen, wie er gegenüber den Autoren des Buches "Sendepause" , Harald Fidler und Andreas Merkle, erklärte. "Weil ich mir nicht vorstellen kann, dass man mir vorwerfen kann, mit niedrigen Instinkten zu spielen." Und "gegen Minderheiten haben wir nie etwas gehabt. Meine Mutter kommt aus Böhmen. Ich bin weder Rassist noch gegen Ausländer. Ich bin nur dagegen, dass man so einen Humanitätsdilettantismus pflegt, der die Steuerzahler belastet, weil man Sozialschmarotzer und Kriminelle stützt", so Dichand. Aufsehen erregte die "Krone" mit ihren Kampagnen: gegen das Abholzen des Sternwarteparks in Wien, gegen das Wasserkraftwerk in Hainburg, für den Präsidentschaftskandidaten Kurt Waldheim, für den Beitritt zur EU, gegen Burgtheater-Chef Claus Peymann, gegen den SPÖ-Politiker Caspar Einem, gegen Liberalen-Chefin Heide Schmidt und zuletzt - "Von besonderer Seite" - für eine SPÖ-ÖVP-Koalition. Beobachter des Wiener Parketts sind denn auch der Meinung, dass ohne Dichand und die "Krone" in Österreich wenig, gegen ihn noch weniger geht. Dichand selbst sieht dies anders: "Unser Platz als Zeitungsmacher ist im Vorhof der Macht. Ich streichle lieber meinen Hund daheim, als Macht auszuüben", heißt es in seinen Memoiren. Ein gewisses Machtpotential Gegenüber Herbert Riehl-Heyse, Buchautor und Leitender Redakteur bei der "Süddeutschen Zeitung", räumte Dichand indes ein gewisses Machtpotential seiner Zeitung ein. Die Kampagne gegen Hainburg etwa sei die erfolgreichste und auch gefährlichste seines Blattes gewesen. "In so einem Fall brennen uns die Sicherungen durch, da hätten wir fast einen Bürgerkrieg riskiert", so der "Krone"-Chef, der unter den Pseudonymen Cato oder Aurelius gerne selbst zur Feder greift. "Falter"-Chefredakteur Armin Thurnher, einer der schärfsten Kritiker von "Krone" und Mediaprint, hält Dichand für den "heimlichen Regenten" des Landes. Dichand sei ein "Fürst der Gegenaufklärung", so Thurnher, der seine Kolumne im Falter jede Woche mit dem Satz "Im Übrigen bin ich der Meinung, die Mediaprint muss zerschlagen werden" beendet. Der Journalist und Kolumnist Hans Rauscher meint, dass Dichand "in handwerklich meisterhafter Weise die Ängste, Vorurteile und die emotionalen Bedürfnisse sehr vieler Österreicher für einen weltweit unerreichten Erfolg instrumentalisiert hat". Für den Kommunikationswissenschafter Michael Schmolke ist die "Krone" das "beinahe vollkommene Pendant zur österreichischen Seele". Alles purer Neid, so Dichand: "In einem Land, in dem der Erfolg zu den unverzeihlichen Dingen zählt, ist das eigentlich ganz natürlich. Wir können damit gut leben." (APA)