1983 spielte ich in dem Film "Klassenverhältnisse" mit und hatte Gelegenheit, die Arbeit von Danièle Huillet und Jean-Marie Straub aus der Nähe zu beobachten. Als es darum ging, eine Sequenz aus mehreren kurzen Einstellungen auf der Straße zu drehen, gab es zwischen Straub und dem Kameramann, William Lubtchansky, eine Auseinandersetzung. Das Licht werde sich in den nächsten Stunden mehrfach ändern, und wenn jede Einstellung für sich aufgenommen werde, werde auch die Schärfentiefe verschieden sein und also der Hintergrund der jeweiligen Personenaufnahme das eine Mal scharf sein und das andere Mal nicht. Er schlug vor, die Kamera auf jeweils einen Darsteller zu richten und die gesamte Sequenz durch zu spielen, wie es auch meistens gehandhabt wird und nicht nur, wenn die Zeit knapp ist. Straub sagte, ihn störe ein ständiger Lichtwechsel innerhalb einer Sequenz nicht und bestand darauf, jede Einstellung für sich aufzunehmen.

Huillet-Straub verstoßen damit gegen die Regeln der Kontinuität: Man sieht, dass zwischen zwei Einstellungen Zeit vergangen ist, während nach der Fiktions-Konstruktion eine Einstellung sogleich auf die vorige folgen soll. Die erzählende Zeit lässt sich hier von der erzählten nicht verdrängen. 

Ähnlich verfahren Huillet-Straub mit dem Ton. Der Ton wird mit dem Bild aufgezeichnet und an der gleichen Stelle wie dieses geschnitten. Es gibt keine "Atmosphäre", die über die Schnittstelle gelegt wird - und so wird ein leichter Tonsprung von Einstellung zu Einstellung vernehmbar. Selbst an einem recht stillen Ort erzeugt die jeweilige Mikrofonperspektive einen je verschiedenen Klang. Die akustische Grundierung wird vernehmbar, auf die man im Leben meist nur aufmerksam wird, wenn man auf etwas horcht. Man hört also auch, dass zwischen zwei Einstellungen Zeit vergeht.

Andere Regeln der Kontinuitäts-Konstruktion halten Huillet-Straub aber ein - sie respektieren die Regeln der jeweiligen Blickrichtung der Akteure und der Kamera-Achse. 

Über Sonne und Wolken kann ein Filmteam nicht gebieten und auch nicht über das Grundgeräusch des Schauplatzes. Ich kam zunächst zu dem Schluss, dass Huillet-Straub nicht verbergen wollen, was sie vorfinden. Sah aber bei Innenaufnahmen, dass Straub zwar die Einstellung einrichtete, Lubtchansky jedoch bei der Beleuchtung freie Hand ließ. Er ließ die Lichtleute etwa für eine Sequenz Zweige vom Baum schneiden und so vor den Scheinwerfern auf der Straße anbringen, dass ihre Schatten ins Haus fielen, auf den Boden und an die Wände.

Huillet-Straub ließen sie gewähren, als hätten sie damit nichts zu tun, als wäre das Lichtsetzen eine technische Angelegenheit. Sie hätten ja auch einwenden können, dass man nur den Schatten eines wirklichen Baums ins Zimmer werfen darf und wenn kein Baum nahe genug am Fenster steht, man ohne Schattenwurf auszukommen hat.

Das Verfahren von Huillet-Straub besteht darin, die Eckpunkte vorzugeben und dazwischen viel Raum zu lassen. Wir Darsteller bekamen strenge Vorgaben, an welchen Stellen wir eine Pause machen sollten. Es blieb uns aber überlassen, ob wir diese Zäsuren so deutlich machten als sprächen wir Verszeilen oder ob wir sie begründeten, mit einem Zögern, zum Ziel einer Unterstreichung, oder zum Atemholen. Wir, die in diesem Film mitspielten, waren sehr verschieden. Mario Adorf spielte wie ein Schauspieler, Alf Bold sagte seinen Text herunter wie bei einer Schulfeier. Und ich, mir ist erst Jahre später eingefallen, wie ich eine bestimmte Pause hätte sprechen sollen.

Einer dieser methodischen Eckpunkte ist die Kadrage. Ich sah Straub immer wieder zu, wie er die Kamera justierte. Meist stand sie auf einem Fahrstativ und der Bühnenarbeiter, der es bediente verstand nicht, warum ein solch dynamisches Gerät hier nur benutzt wurde, um ein paar Zentimeter vor oder zurück oder zur Seite oder etwas höher oder tiefer bewegt zu werden, um am Ende eine meist feste Einstellung zu bestimmen. Straub brauchte meistens eine Stunde, manchmal länger. Eckpunkte: Ein Goldgräber steckt seinen Claim ab, indem er Pflöcke in den Boden schlägt. Oder ein Stadtgründer. Das hat praktische Gründe, sieht aber wie ein Zauber aus.

(Harun Farocki, DER STANDARD, 8.1.2013)