Ende Juni 2012 plädierte General Stanley A. McChrystal, ehemaliger Kommandeur der Internationalen Sicherheitsunterstützungstruppe (Isaf) in Afghanistan, öffentlich für die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht in den Vereinigten Staaten von Amerika. Andernfalls, so sein Argument, würden die Lasten der Kriege wie zum Beispiel in Irak und Afghanistan innerhalb der US-Bevölkerung auch weiterhin höchst ungleichmäßig verteilt sein: "I think if a nation goes to war, every town, every city needs to be at risk. You make that decision and everybody has skin in the game".

Die Position McChrystals ist in den USA nicht mehrheitsfähig, verweist jedoch auf einen Aspekt, der in der aktuellen Bundesheerdebatte kaum vorkommt: Wer wird sich weshalb zu einem möglichen Berufsheer melden? Ein Blick in die USA, wo der "general draft" nach dem Vietnamkrieg abgeschafft wurde, kann hierzu erste Anhaltspunkte liefern.

Amy Lutz von der Syracuse University hat 2008 in einer Studie herausgefunden, dass von den variablen Gründen Ethnie, sozioökonomischer Status und Einwanderungsstatus allein der sozioökonomische Status ein signifikantes Kriterium ist, ob sich jemand zum Heer meldet oder nicht. Je niedriger das familiäre Einkommen, je höher die Chance sich einem Berufsheer anzuschließen. Folgerichtig werden auf der Webseite der größten Militär- und Veteranenplattform der USA mit über zehn Millionen Mitgliedern (www.military.com) die fünf wichtigsten Argumente genannt, sich zum Militärdienst zu melden. Arbeitsmarkt, Universitätskosten, Gesundheitsversorgung und Kreditwürdigkeit sind die ersten vier davon.

Der Militärdienst wird also zur Zukunftschance für junge Frauen und Männer aus einkommensschwachen Familien stilisiert, eine Verheißung, von der in der Praxis meist wenig übrig bleibt. Denn selbst wenn man den (oft mehrmaligen) Dienst in diversesten Kriegsgebieten körperlich unbeschadet überstehen sollte, stellt sich am Ende einer aktiven Laufbahn als Zeitsoldatin oder -soldat die bange Frage: Wie weiter?

Die Armee zahlt zwar Qualifizierungsmaßnahmen, und in mehreren Bundesstaaten werden Veteraninnen und Veteranen bevorzugt in den Staatsdienst übernommen. Freilich: Die wenigsten ehemaligen Armeeangehörigen erfüllen die notwendigen Mindestvoraussetzungen. Ein Teil von ihnen kommt bei Security-Dienstleistern und Private Military Companies unter, in Sektoren also, die in den USA eine unvergleichlich größere Rolle spielen als in Europa. Der Rest spiegelt meist die unterschiedlichen Facetten von Armut wider.

So waren im Jänner 2012 fast 70.000 US-Veteranen obdachlos, Schätzungen zufolge sind weitere 1,5 Millionen von Obdachlosigkeit bedroht. Von jeweils 100 Insassen der US-Haftanstalten haben zuvor neun in der Armee gedient. Auch wenn sie nicht als Häftlinge enden, finden sich viele Veteranen im zivilen Leben nicht mehr zurecht. Davon zeugt etwa das tabuisierte Problem der familiären Gewalt infolge posttraumatischer Belastungsstörungen.

Die politische und ökonomische Elite bleibt von alldem weitgehend unberührt. Jene, die über militärische Einsätze entscheiden, können dank Berufsarmee sicher sein, dass die Folgen ihrer Entscheidungen nicht ihre eigenen Kinder treffen, ebenso wenig die ihrer Freunde und auch nicht die Söhne und Töchter von Angehörigen jener Medienbranche, auf die sie bei ihrer Wiederwahl angewiesen sind.

Die USA sind natürlich nur begrenzt mit Österreich vergleichbar. Dennoch: Ein Berufsheer hält man sich, um es auch einzusetzen. Ein österreichisches Berufsheer wäre eingebettet in eine Europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik, die seit Jahren intensiv bemüht ist, Kapazitäten aufzubauen. Es ist keineswegs ein Geheimnis (und in der einschlägigen Literatur mehrfach beschrieben), dass die Einführung von Berufsheeren in diesem Zusammenhang als eine wesentliche Voraussetzung für internationale Kampfeinsätze betrachtet wird. Es kann kaum Zweifel daran geben, dass auch österreichische "Profi"-Soldaten Teil solcher " friedensherstellender" Aktionen sein werden, zumal das öffentliche Interesse und damit das politische Risiko, Soldaten in Kampfeinsätze zu schicken, durch ein Berufsheer stark abnimmt. Berufssoldaten, die am Flughafen Schwechat im Leichensack ankommen, werden kaum Anteilnahme oder Empörung hervorrufen. Nach allgemeinem Dafürhalten zählt der Tod im Einsatz schließlich zu ihrem "Berufsrisiko". Und die Geschichte hinter der Wahl dieses Berufs, die meist von Perspektivlosigkeit und sozialer Tristesse handelt, kann der Betroffene nicht mehr erzählen.

Der eingangs zitierten Forderung nach einer allgemeinen Wehrpflicht in den USA wurde übrigens vom renommierten konservativen Publizisten Thomas E. Ricks in der New York Times scharf widersprochen: Ein Wehrpflichtigenheer sei keineswegs wünschenswert, schließlich wirke die generelle Beteiligung der Bevölkerung "als Bremse im Einsatz von Gewalt zur Durchsetzung legitimer, vielleicht auch nicht populärer Ziele". Soll niemand sagen, man habe es nicht wissen können. (Jürgen Pfeffer, DER STANDARD, 10.1.2013)