Erlangen - Unsere Gesellschaft altert - und früher oder später stellt sich für Senioren die Frage, wie lange sie in ihrem gewohnten häuslichen Umfeld leben können und wann es an der Zeit ist, sich Gedanken über Betreuung zu machen. Gerade bei Demenzpatienten ist diese Frage von Bedeutung. Für die Selbstständigkeit im Alltagsleben sind vor allem die so genannten alltagspraktischen Fähigkeiten (ADL-Fähigkeiten) der betroffenen Personen ausschlaggebend.

Forscher der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg sind der Ansicht, dass bislang kein Leistungstest existiert, der ökonomisch, valide und zuverlässig alltagspraktische Fähigkeiten bei leichter Demenz messen kann. Stattdessen werden Einschränkungen in alltagspraktischen Fähigkeiten bei Demenzpatienten meist über Fremdbeurteilungsverfahren erhoben. Die exisitierenden Leistungstests weisen methodischen Schwächen auf, da sie beispielsweise zu lange dauern und daher in der Praxis kaum einsetzbar sind oder weil sie Fähigkeiten abfragen, deren Alltagsrelevanz nicht sicher erwiesen ist, lautet die Kritik der Wissenschaftler.

Elementare Lebensbereiche erfassen

Katharina Luttenberger und ihr Team arbeitet derzeit an der Entwicklung und Pilotierung eines neuen umfassenden Leistungstests, der gegenüber den vorhandenen Instrumenten folgende Vorteile bieten will: Er soll schnell und unkompliziert durchführbar sein - mit einer Testdauer von maximal 15 Minuten - und außerdem die relevanten Einschränkungen bei leichter Demenz valide erfassen und nachweislich auch bei immer wiederkehrender Durchführung zuverlässige Ergebnisse liefen. Demnächst ist eine Prüfung des Erhebungsinstruments an 120 Probanden geplant.

Im Vorfeld entwickelte die Forschungsgruppe mittels Fokusgruppen aus Experten und Angehörigen ein Set von zwölf Aufgaben, die aktuell an 30 Personen mit leichter Demenz auf Durchführbarkeit und Akzeptanz getestet werden. Für das Projekt selbst werden es dann rund 20 Problemstellungen sein, die alle 120 Probanden im Test bewältigen müssen. Sie umfassen Aufgaben aus elementaren Lebensbereichen wie Kommunikation, Mobilität, Selbstversorgung und häusliches Leben, die auf die Situation von Demenzkranken zugeschnitten werden.

Alltägliche Herausforderungen

Aus dem Testpool der etwa 20 Aufgaben wählen die Wissenschaftler schließlich jene fünf bis sechs aus, die am besten die alltagspraktischen Fähigkeiten abbilden. Das könnte in der Kategorie „Kommunizieren" der Auftrag sein, einen Arzt anzurufen und einen Termin zu vereinbaren - inklusive des Suchens nach der Nummer, der korrekten Interpretation einer Anrufbeantworteransage oder des Gesprächs mit der Arzthelferin.

Bei der Selbstversorgung ginge es etwa um Herausforderungen wie Zubereitung von Mahlzeiten oder Einkaufen, beim häuslichen Leben um den sicheren Umgang mit der Mikrowelle, und bei der Mobilität wäre ein Verkehrsspiel denkbar, in dem der Proband sich in einer Vorfahrtsituation oder an einer Ampel zurechtfinden muss.

Test soll 2014 vorliegen

Insgesamt muss der Test die drei Evaluierungskriterien - Messzuverlässigkeit, Validität und "Objektivität" bestehen. Dabei stützen sich die Forscher auf Cross-Checks mit allen anderen gängigen Tests sowie auf Tests, die einzelne Kompetenzen prüfen, wie etwa Kognition oder Stimmung. "Außerdem ist es essenziell, dass das Aufgaben-Set von einfach bis schwierig reicht, um die ganze Bandbreite an Alltagsherausforderungen abzubilden. Nur so lässt sich sicher sagen, ob ein Patient im Alltag stark oder kaum eingeschränkt ist", erklärt Luttenberger.

Der fertige Test soll nächstes Jahr vorliegen. "Entscheidend ist, dass ein Patient anhand des Testergebnisses die entsprechende Förderung erhält. Wir haben in früheren Forschungsprojekten gezeigt, dass sich gerade bei Demenzpatienten mit Training und Förderung das Leistungsniveau sehr gut über einen langen Zeitraum aufrechterhalten lässt. Die Tests helfen, entsprechende Risikogruppen zu ermitteln, bei denen die Leistung noch akzeptabel ist, aber langsam nachlässt", so die Projektleiterin. (red, derStandard.at, 18.1.2013)