Bonjour tristesse. In der Region rund um die Kleinstadt Siliana liegt die Arbeitslosigkeit nach offiziellen Angaben bei über 25 Prozent. Unter anderem sind 4000 junge Akademiker ohne Job. 

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"Willkommen im Café der Revolution", grüßt Tarek Zakraoui. Wenn der 41-jährige Inhaber der Cafeteria Hollywood von Revolution spricht, meint er nicht den 14. Jänner 2011, als die Tunesier Präsident Zine El Abidine Ben Ali verjagten. Er redet von Ende November, Anfang Dezember 2012. "Wir haben den Gouverneur zum Rücktritt gezwungen", berichtet er und blickt zur anderen Seite des Platzes. Dort, hinter Stacheldrahtrollen, liegt der Palast des Vertreters der Zentralregierung in der Kleinstadt Siliana im Landesinneren. Tagelang demonstrierten die Menschen auf der Kreuzung vor dem Café gegen die Untätigkeit der Verwaltung, "gegen Armut, Arbeitslosigkeit und für Würde".

"Seit 2011 hat sich nichts geändert", sagt Zakraoui. "Wir können jetzt frei reden, das ist aber auch schon alles. Die soziale Situation hat sich verschlechtert, die Arbeitslosigkeit steigt, alles wird immer teurer, und wenn wir uns beschweren, behandeln sie uns wie Tiere." Sie, das ist die Polizei. Am 28. November stürmte eine aus Tunis angereiste Sondereinheit den Platz und drang in das Café ein, schlug auf alles ein, was sich bewegte, verschoss Gasgranaten und Schrotmunition. "Meine Frau Hadia war so geschockt, dass sie zusammenbrach", berichtet Zakraoui. Hadia, im vierten Monat schwanger, verlor ihr Kind.

Das Hollywood ist wie jeden Abend gut besucht. An den Tischen diskutieren junge Männer bei einem Glas Tee. Die Blicke schweifen ab, zum Großbildschirm an der Wand. Dort laufen ununterbrochen internationale Musikvideos. Die Gespräche drehen sich immer wieder um die Verletzungen, die die Männer vom Polizeieinsatz davongetragen haben. Viele zeigen kleine, kaum wahrnehmbare Punkte in der Haut. Darunter ist eine harte Stelle zu spüren. "Schrotkugeln", erklären sie.

"So ist Tunesien. Nichts hat sich geändert", sagt auch Saifdine Hassni. In seiner Familie hat die Rebellion Tradition. Vater Hassan saß wegen Protesten gegen Ben Ali in den 1990ern sechs Jahre im Gefängnis. Der Großvater war zuerst gegen die französische Kolonialmacht und dann gegen den ersten Präsidenten des freien Tunesien, Habib Bourguiba, aufseiten derer aktiv, die dem arabischen Nationalismus anhingen, der noch heute in Siliana weitverbreitet ist.

Hassni war selbstverständlich dabei, als Ende Dezember 2010 die Demonstrationen gegen Ben Ali auch auf Siliana übergriffen. Jetzt, wo das Übergangsparlament im Amt ist und die islamistische Ennahda zusammen mit zwei kleineren säkularen Parteien die Geschicke des Landes lenkt, fühlen sich die Menschen hier in Siliana erneut um ihre Revolution betrogen. "Für die Jugend wird nichts getan. Es gibt keine kulturellen Veranstaltungen, kein Geld für das Jugendhaus, keine Arbeit", beschwert sich Hassni. Er ist seit dem Ende der Schulausbildung ohne Job. Bei über 25 Prozent liegt inzwischen offiziell die Arbeitslosigkeit in der Region Siliana mit ihren 230.000 Einwohnern. 4000 junge Akademiker sind darunter.

Die Verwaltungsbüros im Gouverneurssitz sind mittlerweile wieder geöffnet. Der Trakt mit dem Büro des Amtsinhabers allerdings liegt hinter einer verschlossenen Tür. Selbst engsten Mitarbeitern wird nur nach ausdauerndem Klopfen von einem Polizeioffizier von innen geöffnet. In den Ort traut sich der neue Gouverneur, ein Technokrat aus Tunis, nicht. Gesprühte Parolen wie "Fuck Ennahda", der auch er angehört, oder "Dégage!" (Verdufte!)- wie sie einst auch Ben Ali zuriefen - zeigen, dass er und seine Partei nicht willkommen sind.

"Wer eine Nacht länger geschlafen hat, hat einen Betrug mehr hinter sich", zitiert Hamed Gantassi ein altes Sprichwort und schimpft gegen die politischen Eliten, die den Übergangsprozess unter sich ausmachen und die Jugend, die Ben Ali aus dem Land gejagt hat, dabei völlig übergehen.

Der 25-Jährige ist vieles: Kleinunternehmer, Musiker, Manager einer Rap-Band ... Doch vor allem ist er eines: Romantiker. Er kam nur wenige Wochen nach der Revolution 2011 aus Paris, wo er aufgewachsen ist, nach Siliana. Gantassi ist hier geboren, ging aber im Alter von drei Jahren mit seinen Eltern nach Frankreich. "Mein Vater, mit dem ich nur bedingt ideologisch übereinstimme, ist ein führendes Ennahda-Mitglied und floh vor der politischen Verfolgung unter Ben Ali", erklärt er, wie es die Familie in den Pariser Stadtteil Barbés verschlagen hatte.

Jetzt will Gantassi "etwas für die Heimat tun". "Hier im Landesinneren gibt es gut ausgebildete junge Menschen, doch es fehlt an In frastruktur, um Investitionen anzuziehen und so Arbeitsplätze zu schaffen." Gantassi hat ein Callcenter aufgebaut. 20 junge Leute arbeiten für ihn. Der Kunde ist ein französisches Unternehmen, das französischen Hausbesitzern per Telefon Solardächer anbietet.

Natürlich war auch Gantassi auf den Demos, die Papas Parteifreund Ende 2012 aus Siliana jagten. Für eine kleine Gruppe von Rappern, die African Warriors, ist der junge Mann ein Idol. Ge meinsam haben sie den Traum, einmal ganz groß herauszukommen. Einen bescheidenen Erfolg hat die Combo bereits gelandet. Der am PC unter der Marke "Hollywood Studio" aufgezeichnete und geschnittene Song Siliana City ist die heimliche Hymne der Kleinstadt. Der Videoclip zeigt Bilder von den Demonstrationen, den Polizeiübergriffen und den Verletzten. "Wir gehen nicht zurück, diese Zeiten sind vorbei, wir bewegen uns, wir gehen weiter, auch wenn uns der Wind entgegenschlägt, ich bin nicht gebrochen ...", rappen sie sich auf Englisch und Arabisch Mut zu. (Reiner Wandler aus Siliana /DER STANDARD, 1.2.2013)