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Etwa die Hälfte der Opiatabhängigen in Österreich ist in Substitutionstherapie.

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In Österreich gibt es Substitutionsmittel, im Bild Methadon, derzeit nur in Form von Tabletten und Sirup, aber nicht als Spritze.

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Der Oberste Sanitätsrat (OSR) als unabhängiges Beratungsorgan des Gesundheitsministeriums schaltet sich in die Debatte über Drogensubstitution ein und spricht sich vehement für deren Beibehaltung aus. Die Substitution sei die derzeit beste und international etablierte Behandlungsform von Opiatabhängigen. "Natürlich wäre eine Entwöhnung der Sucht das optimale Ergebnis, nur ist das wie bei anderen chronischen Erkrankungen, etwa Diabetes mellitus, kaum möglich", erklärte der OSR am Donnerstag.

Der Herzchirurg und OSR-Vorsitzende Ernst Wolner und die Wiener Psychiaterin Gabriele Fischer betonten in der Stellungsnahme: "Es ist unbestritten, dass im Zusammenhang mit dieser Therapie auch weiterhin kriminelle Handlungen gesetzt werden können, allerdings in einem signifikant geringeren Ausmaß im Vergleich zum unbehandelten Zustand." Es gelte, eine transparente Qualitätssicherung der Ärztekammer umzusetzen. Zudem seien die zuständigen Behörden aufgefordert, "den assoziierten Missbrauch möglichst umfassend aufzudecken und einzustellen".

Helfen statt strafen

Die Debatte kommt kurz vor dem 25-jährigen Jubiläum der Drogensubstitutionstherapie in Österreich. "Das 'Methadon'-Programm läuft", lautete der Titel einer APA-Meldung am 3. November 1987. Mit 29. September hatte das Gesundheitsministerium damals einen Erlass über die Zulässigkeit und Regeln zur Behandlung von Opiatabhängigen durch die regelmäßige Verschreibung und geregelte Abgabe von Methadon, damals das einzige zugelassene Mittel, herausgegeben. "Helfen statt strafen", hieß die Devise, das Ziel war neben der medizinischen Behandlung vor allem die soziale Stabilisierung der Konsumenten.

Zwei Fakten gaben den Ausschlag für die Einführung des Behandlungsprogramms: Erstens hatten wissenschaftliche Studien gezeigt, dass die Substitutionstherapie schon damals ein gangbarer Weg war, um schwer Drogenkranke in Betreuung zu bekommen und langfristig zu stabilisieren. Zweitens waren etwa in Wien durch den intravenösen Suchtgiftkonsum bereits fast 30 Prozent der Abhängigen HIV-positiv.

Wurden 1987 laut den Zahlen des Gesundheitsministeriums 220 Personen behandelt, waren es 1996 bereits 2.186 und mit dem Jahr 2011 schließlich 16.782, davon allein rund 7.000 in Wien. Damit dürften in Österreich mittlerweile rund die Hälfte der 30.000 bis 34.000 Opiatabhängigen mit problematischem Konsum in Behandlung sein. Auch in Europa ist die Substitutionstherapie Behandlungsstandard: Mehr als 700.000 Patienten sind europaweit in Behandlung

Verschärfung der Abgabemodalitäten

Vor allem um das grassierende "Doctor-Shopping" zurückzudrängen, erließ die damalige Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat (ÖVP) Ende 2006 zwei neue Verordnungen. Im Fokus standen dabei auch zusätzliche Aus- und Weiterbildungen der Ärzte und eine Verschärfung der Abgabemodalitäten über die Behandlung selbst (Mitgaberegelungen). Allerdings waren die Verordnungen zum Teil unpraktikabel. Besonders umstritten war die Propagierung von Buprenorphin als Substitutionsmittel der Wahl, um die Verschreibung von retardiertem Morphin (zum Beispiel Substitol) zurückzudrängen. Mittlerweile zeigt sich in mehreren Staaten, dass auch mit Buprenorphin Schwarzhandel betrieben werden kann.

2008/2009 erleichterte das Gesundheitsministerium nach Expertenevaluierungen die Mitgabe von Substitutionsmitteln aus beruflichen Gründen. Als wenig realitätsbezogen hatte sich auch die Unterscheidung zwischen Patienten mit aufrechter Beschäftigung, Arbeitslosen, Personen in Schulungsprogrammen und gar Pensionisten herausgestellt. Sie sollten auch entsprechend auf Urlaub, Fernreisen etc. gehen können.

Mischkonsum einschränken

Mit dem Jahr 2012 schließlich setzte das Gesundheitsministerium auf die verstärkte Bekämpfung des gefährlichen Mischkonsums von Drogen: Bei 92 Prozent der Todesfälle durch Suchtgifte in Österreich liegt eine Vergiftung mit mehreren Substanzen vor - vor allem Opiate, dazu Schlaf- und Beruhigungsmittel (vor allem Benzodiazepine), oft auch Alkohol. Durch die Potenzierung der dämpfenden Wirkung all dieser Substanzen auf das Atemzentrum im Gehirn kommt es in solchen Fällen zum Drogentod.

Seit Jahren war bereits bekannt gewesen, dass Arzneimittel wie Rohypnol und Somnubene missbräuchlich verwendet wurden. Oft erfolgten die Verschreibungen via Privatrezept, häufig wurden die Rezepte auch gefälscht. Die seit 15. Dezember 2012 geltenden neuen Regeln sollen hier die Missbrauchsmöglichkeiten einschränken, nachdem immer wieder auch Ärzte aufgefallen waren, die massiv zu dem Problem beitrugen.

Verordnet wurde etwa, im Körper langsam anflutende Benzodiazpine nicht mehr wiederholt zu verschreiben und Benzodiazepine generell nur noch im Rahmen eines längerfristigen Therapieplans zu verschreiben. Außerdem müssen die Ärzte auf den Rezepten nun vermerken, dass Apotheken jeweils nur eine Tagesdosis des Substitutionsmittels abgeben dürfen. 

HIV kein großes Problem mehr

Ein Erfolg, sicher ebenfalls bedingt durch die in Österreich ab Mitte der 1980er-Jahre etablierten Präventionsmaßnahmen inklusive Spritzentausch: In den 1990er-Jahren lag der Anteil der HIV-Positiven unter den Patienten mit problematischem Konsum noch bei 20 Prozent. Derzeit gehen die Behörden von einem Anteil zwischen null und vier Prozent aus.

Insgesamt wurden für das Jahr 2011 durch Obduktionen 177 tödliche Überdosierungen bestätigt. Weitere 24 nicht obduzierte Todesfälle gehen höchstwahrscheinlich auf eine Suchtgiftüberdosis zurück. Die Zahl der Todesfälle ist damit seit einigen Jahren stabil, die sinkenden Obduktionsraten lassen aber auch in diesem Bereich die Daten unsicherer werden. (APA/red, derStandard.at, 14.2.2013)