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Typisch für Italien: Unübersichtliche Wahlzettel und knappe Ergebnisse. Fehlerhafte Prognosen sind hingegen ein internationales Phänomen.

Foto: REUTERS/Yara Nardi

Renato Mannheimer (66) gilt als der führende Demoskop in Italien. Er ist Gründer und Präsident des Meinungsforschungsinstituts Ispo, lehrt an der Universität Mailand Soziologie und arbeitet für führende Medienunternehmen. Mit dem STANDARD sprach er über die Divergenz zwischen Prognosen und Ergebnis der italienischen Parlamentswahl.

STANDARD: Welche Faktoren waren für Beppe Grillos unerwartet hohen Sieg verantwortlich?

Mannheimer: Vor allem die wachsende Aversion der Italiener gegen die Politik. Die Skandale der letzten Wochen und Monate haben den Protest noch verstärkt. Grillo ist ein Schauspieler und versteht es, den Protest zu schüren.

STANDARD: Hat seine Protestbewegung Bestand?

Mannheimer: Das kommt darauf an, wie sich die Parteien verhalten und bewegen werden. Das Vertrauen in die Politik befindet sich auf einem Allzeittief.

STANDARD: Die Demoskopen lagen wieder einmal falsch. Auch Sie hatten einen klaren Vorsprung der Linksdemokraten gegenüber der Berlusconi-Partei vorausgesagt ...

Mannheimer: Das ist kein rein italienisches Phänomen. Man muss sich nur an die USA oder Israel erinnern. Das Problem in Italien ist, dass viele Wähler falsche Angaben machen. Nur wenige von uns befragte Wähler wollten offen zugeben, dass sie Berlusconi wählen. Das Ausmaß des Erfolges von Grillo hat dann auch mich überrascht.

STANDARD: Was ist Ihrer Meinung nach ein mögliches Zukunftspanorama: Neuwahlen oder eine Große Koalition?

Mannheimer: Vier Szenarien: entweder Alleinregierung der Linksdemokraten oder eine Allianz - entweder mit Grillo oder mit Berlusconi - oder aber Neuwahlen.

STANDARD: Welches ist die wahrscheinlichste Lösung?

Mannheimer: Keine Ahnung. Ich beobachte nur, mache jetzt keine Prognosen.

STANDARD: Warum haben die Linksdemokraten schlechter abgeschnitten als erwartet?

Mannheimer: Weil die Wahlkampagne von Pier Luigi Bersani langweilig und farblos war.

STANDARD: Hätte Bersani zugunsten des jungen Bürgermeisters von Florenz, Matteo Renzi, verzichten sollen?

Mannheimer: Der Wahlausgang wäre dann vermutlich tatsächlich ein anderer gewesen.

STANDARD: Und warum hat Premier Mario Monti versagt?

Mannheimer: Auch seine Wahlkampagne entsprach nicht den Erwartungen. Die Wähler haben Monti als Chef einer Expertenregierung, nicht aber als Parteipolitiker akzeptiert.

STANDARD: Ist denn Berlusconi nicht umzubringen?

Mannheimer: Er hat eine exzellente Wahlkampagne geführt und den Italienern das versprochen, was sie hören wollten. Aber wir sind alle sterblich - auch er. (Thesy Kness-Bastaroli, DER STANDARD, 27.2.2013)