Valerio Onida ist nicht nur das prominenteste Mitglied des vom italienischen Präsidenten eingesetzten Weisenrats, der Bewegung in den politischen Stilltand des Landes bringen soll; er gilt auch als einer der Anwärter auf die Nachfolge von Giorgio Napolitano selbst. Dieser wird nämlich demnächst im Alter von fast 88 Jahren aus dem Amt scheiden. Als ehemaliger Präsident des Verfassungsgerichts bringt er dafür die in Italien notwendigen Vor aussetzungen mit.

Sein Alter von 77 Jahren sieht man dem Juristen nicht an. Ein Fan des Fußballklubs Inter war er nur in jungen Jahren, doch seine Enkel begleitet er noch heute gerne ins Stadion. 

Onida ist ein typischer Vertreter des aufgeklärten Mailänder Bürgertums, in dem Bildung eine wesentliche Rolle spielt. Er selbst lehrte viele Jahre Verfassungrecht an der Universität seiner Heimatstadt, sein Bruder Fabrizio Ökonomie an der Wirtschaftshochschule Bocconi, und sein Sohn Giovanni ist Chemieprofessor an der staatlichen Universität Mailand. 

1996 wurde Valerio Onida zum Verfassungsrichter ernannt, 2004 stieg er zum Vorsitzenden des Höchstgerichts auf, auf dessen politische Unabhängigkeit Onida, der niemals einer Partei angehörte, stets peinlich bedacht war. 

Doch auch als Unabhängiger zeigte Onida wiederholt zivilbürger liches Engagement und nahm an zahlreichen po litischen Initiativen teil, wie etwa der Volksabstimmung über die Ehescheidung im Jahre 1974. Er gehörte auch dem Expertenteam an, das 2006 Romano Prodis Regierungsprogramm verfasste. 2010 beteiligte er sich an der Vorwahl des Partito Democratico für das Amt des Mailänder Bürgermeisters. Das Motto für den dazugehörenden Wahlkampf war typisch für ihn: "Passione civile" – bürgerliche Leidenschaft. 

Seine Ernennung in den umstrittenen Weisenrat, der die störrischen Parteien zum Dialog bewegen soll, akzeptierte Onida mit derselben Einstellung: "Wo meine Unterstützung dienlich sein kann, stelle ich mich gerne zur Verfügung." 

Entschieden tritt er dem Verdacht entgegen, der von Napolitano eingesetzte Weisenrat diene bloß zur Gängelung der Parteien: "Wir sind bestenfalls Hebammen", witzelt der Professor, der stets angenehme Unaufgeregtheit ausstrahlt. Mit seinem stets sachlichen Stil wird ihm auch das Kunststück zugetraut, den Parteien in nur zehn Tagen ein neues Wahlrecht abzuringen – ein Unternehmen, das sie selbst in 15 Monaten nicht geschafft haben.  (Gerhard Mumelter/DER STANDARD, 3.4.2013)