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Barack Obama zuletzt bei einem Auftritt in Newport News: Viele Werftarbeiter trauen den US-Politikern kaum noch Lösungskompetenz im Budgetstreit zu.

Foto: AP Photo/Steve Helber

Hammerschläge dröhnen über den James River, Schleifmaschinen kreischen, irgendwo zucken Lichtblitze eines Schweißgeräts. Mittendrin ein grauer Turm, umstellt von Gerüsten, versehen mit der Nummer 78. Es ist die künftige Kommandozentrale des Flugzeugträgers Gerald R. Ford, der gerade zusammengenietet wird in der Werft von Newport News.

Grau ist die beherrschende Farbe am Ufer des majestätisch breiten James River. Graue Schiffe, graue Kräne. Alles hier dreht sich ums Militär, kein zweiter Landstrich Amerikas steht so sehr im Zeichen der Kriegsmarine wie der Südostzipfel Virginias, das Dreieck zwischen Newport News, Norfolk und Virginia Beach mit seinen knapp zwei Millionen Bewohnern. Das heißt auch, kaum eine andere Region der USA lebt so sehr von Staatsaufträgen.

Als das Land 2008 in die Rezession taumelte, war es ein Rettungsanker, denn der Verteidigungsetat wuchs auch in schlechten Zeiten. Es bedeutete krisensichere Jobs, allein bei Huntington Ingalls Industries 21.000 gut bezahlte Arbeitsplätze. Jetzt, da der Wirtschaftsmotor wieder anspringt, bekommt Newport News die Folgen einer politischen Krise zu spüren. Weil sich Demokraten und Republikaner kaum auf kurzfristige Budget-Verlängerungen einigen können, die die USA leidlich flüssig halten, droht das Damoklesschwert automatischer Haushaltskürzungen. Auch das Pentagon muss sparen. Am James River wirkt es wie eine Axt.

Rechnung mit vielen Unbekannten

"Good Food, Good Friends, Good Times", steht an der Wand von TJ's Sports Tavern. Das mit den guten Zeiten auf dem Spruchband, Kevin Huntley kommentiert ironisch: Damit sei wohl die ferne, sehr ferne Zukunft gemeint. Huntley (33), verheiratet, Vater eines vierjährigen Sohns, ist in dem Alter, in dem Amerikaner ein Häuschen kaufen. Aber nach langen Beratungen am Küchentisch hat er sich der Vorsicht seiner Frau angeschlossen und den Plan auf Eis gelegt. "Wenn du nervös bist, machst du keine großen Sprünge", sagt der Schweißer. "Und weiß Gott, wir sind richtig nervös." Noch lassen die blauen Briefe auf sich warten, doch in der rauchgeschwängerten Taverne gibt es keinen, der nicht mit baldigen Entlassungen rechnet.

Neil Morgan jongliert mit Zahlen wie Akrobaten mit Bällen. Der City-Manager, der Verwaltungschef der Stadt, muss den Haushalt fürs nächste Finanzjahr vorlegen. Es ist eine Rechnung mit vielen Unbekannten. Entfaltet die Sparbremse erst ihre Wirkung, dürften die Leute weniger einkaufen und seltener im Restaurant essen. Beides wird die lokalen Steuereinnahmen drücken, weshalb Morgan überlegt, im Gegenzug die Grundsteuer, seine wichtigste Finanzquelle, anzuheben. Nur weiß er eben noch nicht, wie lange die hausgemachte Krise andauert, ob sich beide Parteien vielleicht doch noch verständigen, ob das Vertrauen der Konsumenten nur für wenige Wochen erschüttert wird oder für viele Monate.

Hauptsache, es wird gekürzt

In seiner Welt, der realen Welt, sagt Morgan, folge man einem einfachen Prinzip, egal, welches Parteibuch ein Lokalpolitiker in der Schublade habe. Am Ende müsse die Rechnung aufgehen, der Etat Jahr für Jahr ausgeglichen werden, "die Mathematik kannst du nun mal nicht überlisten" . So gesehen liege Washington, dieser kleine Planet mit seinen Ränken, Dauerfehden und Schuldenbergen, in einem anderen Sternensystem. "Du weißt nie, kriegen sie nun ein richtiges Budget zustande oder flicken sie wieder nur Löcher."

Scott Rigell war Autohändler, bevor er auf einer Protestwelle ins Parlament surfte, bei der Wahl des Herbstes 2010, als krisengebeutelte Wähler der politischen Klasse einen Denkzettel verpassten. Nie und nimmer, versicherte er lokalen Tea-Party-Rebellen, werde er höheren Abgaben zustimmen, sobald er im Kongress sitze. Inzwischen hat Rigell das zurückgenommen. Und nicht nur das, er stellt sich quer zur eigenen Partei. Die meisten Republikaner haben nichts gegen das Zwangssparen: Hauptsache, es wird gekürzt, und sei es nach der Brachialmethode. Rigell sieht das anders.

Im Herbst 2014 will er in Newport News wiedergewählt werden, deshalb skizziert er Mittelwege. Niedrigere Ausgaben und höhere Steuern in einem Paket, um dem Sequester bald zu entrinnen. Als Barack Obama neulich die Werft besuchte und hinterher zurück nach DC flog, setzte sich Rigell zu ihm in den Jet, um über Kompromisse zu reden. Für Hardliner grenzte allein das an Verrat. Rigell dagegen klang wie ein Echo des City-Managers Morgan: "Beide Parteien sind schuld daran, dass wir stehen, wo wir stehen." (Frank Hermann, DER STANDARD, 6./7.4.2013)