Bild nicht mehr verfügbar.

Das Wirtschaftswachstum liegt deutlich unter den Erwartungen. Die Regierung und die Zentralbank geben sich gegenseitig die Schuld an der Misere.

Foto: AP/Lawetzsky

Tachir hatte einen Traum: Das mobile Aufladen von Prepaid-Telefonkarten sollte ihn zum erfolgreichen Unternehmer machen. Es schien eine gute Idee, denn Prepaid-Telefonie ist in Russland weit verbreitet. Mit dem Kredit eines Freundes kaufte er sich einen Laptop und zwei mobile Aufladegeräte und machte sich in seiner Heimatstadt Samara an die Arbeit.

Doch aller Anfang ist schwer, und die Konkurrenz ist hart: Die Gewinne flossen zu spärlich zum Überleben. Neues Geld, um zu expandieren, gab es nicht. Der Freund hatte keines mehr, die Bank gab keines. Tachirs Traum vom großen Geschäft platzte.

Gescheiterte Kleinunternehmer gibt es weltweit; gerade auch in Russland. Korruption, Bürokratie und fehlende Kredite machen ihnen das Leben schwer. Aber so viele wie heuer aufgegeben haben, waren es noch nie. Seit Jahresbeginn mussten etwa zehn Prozent der drei Millionen registrierten Einzelunternehmer ihr Geschäft abmelden.

Grund sind vor allem die gestiegenen Sozialabgaben. Zu Jahresbeginn schnellte der Mindestsatz für Sozialabgaben schlagartig von etwa 425 Euro auf 900 Euro. Die Reaktion erfolgte prompt. Die Unternehmer gingen Pleite oder in die Schattenwirtschaft.

Große Konzerne klagen

Auch die großen Konzerne klagen. Der Rubel rollt nur noch langsam. Der Ölpreis stagniert; so ist das BIP in den ersten zwei Monaten gegenüber dem vergleichbaren Vorjahreszeitraum um lediglich 0,9 Prozent gewachsen. Eigentlich hatte das Wirtschaftsministerium heuer einen Anstieg von 3,6 Prozent erwartet. Bereits im Februar musste der stellvertretende Wirtschaftsminister Andrej Klepatsch die Erwartungen zurückschrauben. Laut der Investmentgruppe Renaissance Capital droht Russland im ersten Halbjahr eine Rezession, denn auch im Frühjahr ist kein Schub zu erwarten. Gegenüber dem ersten Quartal werde die Wirtschaft sogar um 0,4 Prozent schrumpfen, heißt es.

Mehrere Indikatoren weisen auf die bevorstehende Flaute hin: Die Industrieproduktion fiel um über zwei Prozent, das Güteraufkommen der russischen Bahn ist in den ersten drei Monaten um mehr als vier Prozent gegenüber dem Vorjahr geschrumpft. Ex-Finanzminister Alexej Kudrin übte bereits scharfe Kritik. Russland befinde sich derzeit in einer Stagnation und hinke den Wachstumsraten der Weltwirtschaft hinterher. " Das Wachstum ist schwach. Es werden vielleicht drei Prozent, und darum müssen wir schon kämpfen", prognostizierte er.

Schuldzuweisungen

Die Regierung macht die Zentralbank zum Schuldigen. Die hohen Zinsen bremsen die Wirtschaft aus, heißt es. Der noch amtierende Zentralbank-Chef Sergej Ignatjew schiebt den schwarzen Peter zurück und verweist auf die hohe Inflation. Zudem klagt er über die hohe Kapitalflucht. 25,8 Milliarden Dollar wurden seinen Angaben nach im ersten Quartal aus Russland abgezogen; ein Indiz für das schlechte Investitionsklima.

Während die Oligarchen ihr Geld ins Ausland verfrachten, gehen kleine Unternehmer in die Schattenwirtschaft. Vizepremier Olga Golodez musste einräumen, dass die Regierung nicht wisse, womit 38 Millionen der insgesamt 86 Millionen arbeitsfähigen Russen ihr Geld verdienen. Diese Menschen sind zwar nicht als arbeitslos registriert, zahlen aber auch keine Steuern und Versicherungen. Es sei für viele nicht einsehbar, warum sie überhaupt Abgaben zahlen sollten, wo sie doch nirgends eine Gegenleistung dafür erkennen könnten, sagt der Wirtschaftswissenschafter Iwan Ognjew.

Auch Tachir verdient seinen Lebensunterhalt inzwischen im grauen Sektor. Während er bei seiner Frau eingezogen ist, vermietet er die von seiner Mutter hinterlassene Wohnung weiter. Steuern zahlt er dafür nicht - wie fast alle Wohnungsvermieter in Russland. (André Ballin aus Moskau, DER STANDARD; 8.4.2013)