Wien - Dirigent Michael Tilson Thomas kommt aus Los Angeles; in San Francisco ist er Chef des dortigen Symphony Orchestra. Arnold Schönberg musste 1933 vor den Nationalsozialisten flüchten und landete bei seiner Odyssee in den USA - dabei unter anderem in Los Angeles. 1943 schrieb er in Übersee dann auch Thema und Variationen für Orchester op. 43b; und 1937 orchestrierte er ebendort Johannes Brahms' Klavierquartett Nr. 1, g-Moll, op. 25 - für große Besetzung.

Die Repertoireplanung des philharmonischen Samstagnachmittags orientierte sich also womöglich an einem geografischen Naheverhältnis zwischen Dirigent und Komponist. Und sie fügte - um ein ganz rundes Bild zu ergeben - im Sinne eines tatsächlichen Naheverhältnisses noch einen Brahms hinzu: das Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2, B-Dur, op. 83; Schönberg schätzte ja den Kollegen, nannte ihn "einen Fortschrittlichen" (Aufsatz, 1933) und hob dessen thematische Variationsarbeit hervor.

Bei seiner Wiederbegegnung mit den Wiener Philharmonikern (nach 2004) dirigierte Michael Tilson Thomas das in gedehnter Tonalität angelegte Variationswerk (op. 43b) akkurat und engagiert. Klangliche Ausgewogenheit ergab sich auch in Momenten instrumentaler Expressivität. Alles recht lebendig, ohne dass jedoch extreme Naheverhältnisse spürbar wurden.

Dann ein Mix aus Überschwang und Diskretion: Beim Klavierkonzert stürzte sich Solist Yefim Bronfman opulent in die Romantik, die er fortan auch recht nebelig vermittelte, während die Philharmoniker ihre Assistenz in unscheinbare Höflichkeit hüllten. Natürlich war - wie später bei Schönbergs Version von Brahms' Klavierquartett - Verlass auf das Erglühen der Streicher. Es wären beim 2. Klavierkonzert jedoch auch jene unspektakulären Orchestermomente für Verlebendigung dankbar gewesen. Fahl und unscheinbar blieben sie; da konnte Tilson Thomas nicht zu mehr animieren, während Bronfman wolkig blieb. Bis auf einige delikat-intime Momente im Andante. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD, 8.4.2013)