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Der Ringelspielausrufer Liliom (Nicholas Ofczarek) ist ein gewalttätiger Mann, nicht zuletzt gegen sich selbst.

Foto: APA/Pfarrhofer

Er lässt bei der Premiere die Tragik hinter sich.

Wien - Die Liebe von Liliom und Julie ist nicht wirklich zu begreifen. Da gibt es kein Glück, keine Geborgenheit, nur Schläge und Schreie; schon die erste Begegnung des Paares ist ein Akt der Gewalt: "Hab kein Mitleid mit mir, mein Kind, oder ich geb dir eine auf den Schädel." Herr Liliom, der beste Ringelspielausrufer im Prater, Titelfigur in Franz Molnárs gleichnamiger "Vorstadtlegende" (1909), ist ein Travis Bickle der Jahrhundertwende. Er will das Richtige tun, doch die Hand sitzt immer zu locker; "Magenbeugeln" und "Riesen-Trumm-Watschen" sind da die Basisvokabeln.

In der Trash-Märchen-Lesart von Regisseurin Barbara Frey wölbt sich ein Himmel aus Glühbirnen über Lilioms Dasein; Lichterketten umranden alles und jedes, sogar das Containerklo des Vergnügungsparks beginnt zu funkeln. Aus diesem Trugbilder des Glitzers kommt Liliom langsam hervor, die Hände zucken schon in seinen Hosentaschen. Nicholas Ofczarek ist dieser Gefahrenherd.

Warum das Dienstmädchen Julie (Katharina Lorenz) trotz aller abschreckenden Warnungen ihrer Freundin (Mavie Hörbiger) an diesem Abend bei ihm bleibt, und dadurch so wie Liliom die Anstellung verliert, bleibt ein Geheimnis der Theaterliteratur, das auch Barbara Frey nicht lüften kann.

Doch die Regisseurin hat mit Katharina Lorenz eine Schauspielerin, die mit heißer Überzeugung die Widersprüche in sich ausficht: Ihr gesenkter Kopf weiß um das Drama dieser Ehe von Anfang an, zugleich wird ihr aufrechter Rücken, kräftig wie der einer Ruderin, jeder Brutalität standhalten. Der gezielt posierenden Ringelspielbesitzerin Frau Muskat (Barbara Petritsch) bietet sie ebenso die Stirn wie Lilioms Taugenichtsfreund Ficsur (Daniel Sträßer), der ihn zum todbringenden Raubüberfall überredet.

Ähnlich wie schon in der schillernden Jelinek-Komödie Der ideale Mann (nach Oscar Wilde) am Akademietheater 2011 interpretiert Regisseurin Barbara Frey vorwiegend über das Bühnenbild von Bettina Meyer, für das eine Original-Wiener-Prater-Hochschaubahn Vorbild war: Das fratzenhafte Gesicht einer hungrigen Katze wartet da auf eine "Dizzy Mouse". Die Schauplätze kommen auf der Drehbühne an die Rampe gefahren. Das ist alles andere als originell, und es stellt sich im Anblick von Thujenhecken und Praterrutsche auch eine nostalgische Volksmärchen-Seligkeit ein, die in ihrer Patina schwerlich mit der Gegenwart korrespondiert.

Im zweiten Teil steuert Frey mit trashigen Ideen gegen: Da betritt Liliom das Jenseits, um sich post mortem einer Gewissensprüfung zu unterziehen. In der Himmelsamtsstube läuft Radio Burgenland, das Fegefeuer leuchtet zartrosa durch die Tür herein. Zuvor entledigt sich Liliom noch in einem kraftmeierischen Akt seines blutig in der Brust steckenden Messers. In solchen Momenten ist die Fatalität der Geschichte praktisch vergessen, da regiert dann allein der Schalk.

Wissen um die Schandtaten

Diese von Ofczarek genussvoll ausgespielten, oft viel zu koketten Manöver sind spaßig und - verstärkt durch den breiten Wiener Slang - manchmal sogar karikaturhaft. Aber: Das Stück bleibt in seiner eigentlichen Tragik dann daneben im Regen stehen. Der Arbeitslose aus dem Glühbirnenparadies hat sich jedes Zwiespalts entledigt. Ofczarek legt das Gewicht ganz auf den unverbesserlichen Vollblut-Strizzi; in die Gutmensch-Falle tappt der gewiss nie.

Übrig bleibt also eine recht patinierte Tragödie mit einem unerreichbaren, souveränen Kasperl an der Spitze. Dieser Liliom entfernt sich immer mehr von seinem Zwiespalt. Barbara Frey wollte der Legende die Moralsäure nehmen. Das ist unterhaltsam geglückt, aber damit ist auch die Geschichte weitgehend gekappt. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 8.3.2013)