Kremsmünster/Steyr - Die Staatsanwaltschaft Steyr hat Anklage gegen einen ehemaligen Pater des Stifts Kremsmünster in Oberösterreich erhoben, unter anderem wegen schweren sexuellen Missbrauchs. Dem 79-Jährigen wird angelastet, von September 1973 bis Juni 1993 an 15 Zöglingen "Handlungen unterschiedlicher Intensität" vorgenommen zu haben. Ihm drohen bis zu 15 Jahre Haft, teilte die Staatsanwaltschaft am Dienstag mit.

Pater besaß Pumpgun

Die Staatsanwaltschaft legt dem Ex-Geistlichen schweren sexuellen Missbrauch, Unzucht mit Unmündigen, Nötigung, den Missbrauch eines Autoritätsverhältnisses sowie das Quälen oder Vernachlässigen unmündiger, jüngerer oder wehrloser Personen zur Last. Zudem wird ihm der fahrlässige Besitz einer verbotenen Waffe, nämlich einer Pumpgun, vorgeworfen.

Einzelne Sachverhalte, die im Abschlussbericht des Landeskriminalamtes enthalten gewesen seien, kommen nicht zur Anklage, weil sie verjährt seien oder sich kein ausreichender Tatverdacht ergeben habe, so die Staatsanwaltschaft. Die Anklage ist noch nicht rechtskräftig, der Beschuldigte kann sie binnen 14 Tagen beeinspruchen.

Kaum juristische Konsequenzen für weitere Fälle

Bei den Taten, die die Staatsanwaltschaft dem Ex-Pater zur Last legt, dürfte es sich aber nur um die Spitze des Eisbergs handeln, auch wenn aus Gründen der Verjährung kaum weitere juristische Konsequenzen zu erwarten sind. Die Missbrauchsfälle reichen Jahrzehnte zurück. Dokumentiert sind zumindest vier Fälle aus den 1950er-Jahren, die drei bereits verstorbenen Patres zugeschrieben werden.

Der Großteil der Übergriffe dürfte in den 1970er- bis 1990er-Jahren passiert sein. Damals war der nun angeklagte Ex-Geistliche Internatsleiter. Neben ihm gerieten auch zwei weitere Patres ins Visier der Justiz. Die Ermittlungen gegen sie wurden aber eingestellt. Gegen einen läuft noch ein kirchenrechtliches Verfahren, gegen den anderen hat Rom interne Auflagen verfügt. Vorwürfe gegen acht weitere Personen - darunter drei weltliche Lehrer - wegen körperlicher oder seelischer Gewalt wurden als strafrechtlich nicht relevant oder ebenfalls verjährt eingestuft. Aber auch aus neuerer Zeit, nämlich aus dem Jahr 2005, ist noch ein Missbrauchsfall bekannt.

Genaue Opferzahl nicht bekannt

Die Zahl der Opfer ist nicht ganz exakt festzustellen: 45 hatten sich gleich nach Bekanntwerden der Vorwürfe an die Diözesane Kommission gegen Missbrauch und Gewalt gewandt. 38 meldeten sich bei der Klasnic-Kommission, davon 29 wegen sexuellen Missbrauchs. Fünf weitere sollen bei der Staatsanwaltschaft aktenkundig sein, aber nicht bei den kirchlichen Stellen. Diskrepanzen in den Zahlen sind laut Stift vor allem mit Doppelnennungen, aber auch mit aus Datenschutzgründen teilweise nur spärlichen Angaben bei manchen Personen zu erklären. Bisher hat das Stift 700.000 Euro an Entschädigungen und für Therapien gezahlt.

Der Justiz waren in vielen Fällen die Hände gebunden, weil sie verjährt oder Opfer bzw. Täter nicht exakt zu eruieren waren. Das Landeskriminalamt ermittelte in zahlreichen Fällen, für die Staatsanwaltschaft Steyr blieben 15 Geschädigte übrig, auf die sich die Anklage gegen den 79-Jährigen stützt.

Unklar, was die Klosterleitung wusste

Nach wie vor unklar ist, seit wann und wie viel die Klosterleitung vom Missbrauchsgeschehen wusste. Abt Ambros Ebhart will nur von zwei Fällen - einem aus dem Jahr 1970 und jenem von 2005 -, in denen personelle Konsequenzen gezogen worden seien, Kenntnis gehabt haben. Von den anderen Übergriffen habe er erst 2010, als die Causa in die Medien kam, erfahren, so der Geistliche.

Ebhart beteuerte auch wiederholt, der angeklagte ehemalige Mitbruder habe der Klosterleitung verheimlicht, dass 2007/08 bereits ein Verfahren, das später wegen Verjährung eingestellt wurde, gegen ihn lief. Ehemalige Zöglinge bezweifeln diese Darstellung. Denn der Ex-Pater sagte damals vor der Staatsanwaltschaft Steyr aus, er hätte auf Anordnung der Stiftsoberen und auf eigenen Wunsch 1995 seine Tätigkeit wegen eines "Vorfalls" beenden sollen. Aus organisatorischen Gründen und weil zu diesem Zeitpunkt die Affäre Groer für Aufmerksamkeit sorgte, sei er aber erst 1996 abgelöst worden.

Der Linzer Generalvikar Severin Lederhilger sagte in einer Reaktion, es sei im Sinne der Vorgaben der katholischen Kirche und der Diözese Linz, dass in dem Missbrauchsfall nun die staatliche Gerichtsbarkeit zum Tragen komme. Die Kommission gegen Missbrauch und Gewalt habe alle Fälle an die staatlichen Stellen gemeldet und werde das gegebenenfalls auch weiterhin tun. (APA/red, 9.4.2013)

Chronologie: Siehe nächste Seite

Chronologie
Seit über drei Jahren sind die Missbrauchsvorwürfe gegen Ordensmänner des Stiftes Kremsmünster in Oberösterreich öffentlich bekannt. Ein mittlerweile ausgetretener Pater wird nun angeklagt. Der 79-Jährige ist der erste höhere Geistliche, der sich im Zug der Missbrauchs-Affäre in der römisch-katholischen Kirche vor einem weltlichen Richter verantworten muss. Im Folgenden eine Chronologie der Ereignisse:

1950er Jahre: Es kommt zu Missbrauchsfällen, die erst im Laufe der aktuellen Affäre an den jetzigen Abt herangetragen werden. Die Vorwürfe richten sich gegen drei bereits verstorbene Patres.

1962 bis 1998: Der nun angeklagte Ex-Pater ist Lehrer bzw. Erzieher im Stiftsgymnasium in Kremsmünster, von 1970 bis 1996 sogar Internatsleiter, die Jahre 1973 bis 1993 sind für die Anklage relevant. Ex-Zöglinge beschreiben die Zeit als "System Kremsmünster", in dem Gewalt und sexuelle Übergriffe alltäglich gewesen seien.

1970er Jahre: Nach Missbrauchs-Vorwürfen wird ein (anderer, Anm.) Geistlicher aus dem Internat, nicht aber vom Schuldienst abgezogen.

1995: Der nun angeklagte Ex-Pater droht einem ehemaligen Schüler mit Selbstmord, sollte dieser öffentlich Vorwürfe erheben. Er soll auch rund 300.000 Schilling (rund 21.802 Euro) "Schweigegeld" bezahlt haben.

2005: Als erneut Vorwürfe auftauchen, wird ein weiterer Pater aus dem Schuldienst abgezogen.

26. März 2007: In Zusammenhang mit anderen Ermittlungen werden bei der Polizei erstmals auch Missbrauchsvorwürfe gegen den nun Angeklagten laut. Laut Abt habe er das im Kloster verheimlicht.

18. April 2008: Das Ermittlungsverfahren wird wegen Verjährung eingestellt.

10. März 2010: Nachdem er offenbar durch Medienrecherchen mit Missbrauchsvorwürfen gegen Mitglieder seines Ordens konfrontiert worden ist, enthebt Abt Ambros Ebhart drei Patres ihrer Ämter.

11. März 2010: In einem Artikel in den "Oberösterreichischen Nachrichten" berichtet ein Ex-Zögling, die drei Geistlichen hätten in den 1980er-Jahren Schüler geschlagen und sexuell missbraucht. Der Abt gibt eine Pressekonferenz, in der er Aufarbeitung verspricht.

15. März 2010: Einer der Patres übergibt der Staatsanwaltschaft Steyr eine schriftliche Sachverhaltsdarstellung. Zunächst wird gegen drei Beschuldigte ermittelt, zwei Verfahren werden später eingestellt. Vorwürfe gegen acht weitere Personen wegen körperlicher oder seelischer Gewalt werden als strafrechtlich nicht relevant oder verjährt eingestuft.

24. März 2010: Abt Ambros Ebhart zeigt bei der Polizei an, dass der Hauptverdächtige eine nicht registrierte Pumpgun bei ihm abgegeben habe, die er zuvor seit 15 Jahren besessen habe.

22. Juni 2010: Die BH Kirchdorf verhängt ein Waffenverbot über den Pater.

5. Juli 2010: Das Landesgericht Steyr verfügt die Beschlagnahmung der Pumpgun. Sie wird vom Waffenamt als mögliche "Tatwaffe" (Nötigung, Drohung) geführt.

2010: Das kirchenrechtliche Verfahren gegen einen Beschuldigten (gegen den die Justiz das Verfahren eingestellt hat, Anm.) wird abgeschlossen. Er bekommt Auflagen und lebt seither sehr zurückgezogen im Kloster.

4. März 2011: Knapp ein Jahr nach Bekanntwerden der Vorwürfe haben sich 45 mögliche Opfer bei der Diözesanen Kommission gegen Missbrauch und Gewalt gemeldet.

15. März 2012: Der Hauptverdächtige tritt aus dem Kloster aus.

6. Dezember 2012: Ex-Zöglinge des Stiftsinternats bringen Zivilklage gegen das Stift ein. Sie werfen dem Abt vor, versprochene Zusagen - unter anderem ein Eingeständnis der Mitwisserschaft - nicht eingehalten zu haben. Ein Urteil steht noch aus.

11. Februar 2013: Das Stift zieht in einer Pressekonferenz erneut Bilanz: 700.000 Euro wurden an Opfer bezahlt. 38 Fälle wurden bei der Klasnic-Kommission, eine Handvoll weiterer nur bei der Staatsanwaltschaft gemeldet.

9. April 2013: Die Staatsanwaltschaft Steyr gibt bekannt, dass sie Anklage gegen den 79-jährigen Hauptverdächtigen erhebt. Sie ist nicht rechtskräftig.