Die aktuelle Forderung nach Zweckbindung der Wohnbauförderung scheint keine Gegner mehr zu haben. Zwar wollen jene Länder, die diese Mittel aktuell für andere Zwecke verwenden, die Zweckbindung lieber später als früher wieder einführen. Und zwischen SPÖ und ÖVP gibt es die üblichen ideologischen Differenzen, welcher Wohnbau nun eigentlich priorisiert werden sollte. Aber insgesamt widerspricht niemand dieser Forderung, die von vielen Institutionen, die mit Planen, Bauen und Wohnen befasst sind, schon lange erhoben wurde. Insofern ist alles gut: Was noch vor wenigen Monaten unerreichbar schien, ist plötzlich Konsens.

Doch leider ist damit bei weitem noch nicht alles in Ordnung. Die Frage, wie der nötige zusätzliche Wohnbau finanziert werden soll, der erst ein Bremsen der aktuellen Preissteigerungen ermöglichen würde, kann nur im Zusammenhang mit Qualitäten diskutiert werden: Qualitäten des Wohnens sowie der Städte und Siedlungsräume, in denen diese Wohnbauten errichtet und bewohnt werden. Die Kosten des Wohnens liegen nämlich nicht nur in den Mieten und Kaufpreisen, die die Bewohner bezahlen. Sie liegen auch in Betriebskosten für Energie und Infrastruktur, in Mobilitätskosten und in Folgekosten des Ressourcenverbrauchs, die von den Bewohnern ebenso wie von der öffentlichen Hand, also uns allen, zu tragen sind - nicht zu vergessen die kaum bezifferbaren Kosten, die durch Gebäude entstehen, die nicht die Lebensqualität ihrer Bewohner fördern, die nicht Nutzbarkeit und Nachhaltigkeit zum vorrangigen Ziel haben.

Am Beginn des 21. Jahrhunderts kann man nicht mehr, wie vielleicht noch in den 1970er-Jahren, Schlafstädte mit Wohntürmen oder, am anderen Ende des ideologischen Spektrums, endlose Einfamilienhaus-Teppiche à la Los Angeles planen und errichten, sondern es braucht qualitätsvolle Gebäude, qualitätsvolle Siedlungsstrukturen und, als Voraussetzung dafür, qualitätsvolle Planung unter Beteiligung der Bewohner. Wohnbauten und Siedlungsformen müssen dazu beitragen, motorisierten Individualverkehr zu reduzieren, Kosten für technische Infrastruktur gering zu halten und den ausufernden Flächenverbrauch in Österreich massiv zu verringern.

Aktuell werden hierzulande laut Umweltbundesamt jeden Tag (!) 10 Hektar für zusätzliche Siedlungs- und Verkehrsflächen verbraucht - das liegt zehnfach über dem Reduktionsziel der österreichischen Nachhaltigkeitsstrategie. Das bedeutet, man kann nicht einfach Miet- oder Eigentumswohnungen möglichst preiswert aneinanderreihen, sondern man muss Städte und Dörfer der "kurzen Wege" bauen, ausgestattet mit öffentlichem Verkehr, mit hochwertiger sozialer Infrastruktur, mit Nahversorgungseinrichtungen, mit öffentlichen Räumen - und insbesondere mit Räumen, die die Bewohner selbst mitentwickeln können. Und es bedeutet auch, mit Wohnbau Segregation zu reduzieren statt zu erhöhen.

Dabei handelt es sich beileibe nicht um Themen eines bloßen " Wohlstandsdiskurses", der in Zeiten der Knappheit nichts verloren hat, sondern um eine Notwendigkeit, um für uns und die nachfolgenden Generationen nachhaltige Lebensräume zu ermöglichen: Es braucht also nicht nur leistbares Wohnen, sondern auch leistbare Städte und Dörfer.

Das heißt: Es braucht die Zweckbindung der Wohnbauförderung, und zwar nicht nur auf dem aktuellen Stand, sondern inklusive der Rückflüsse aus Wohnbauförderdarlehen und wertberichtigt, weil die Wohnbauförderung seit 1996 auf damaligem Stand eingefroren ist. Und es braucht zusätzlich die Qualitätsbindung der Wohnbauförderung, vor allem hinsichtlich nachhaltiger Siedlungsentwicklung - Fördermittel sollten von den Ländern nur für jene Bauvorhaben vergeben werden können, die diesen Qualitätskriterien entsprechen. (Robert Temel, DER STANDARD, 10.4.2013)