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Auch Frauen dürfen nun im türkischen Parlament Hosen tragen.

 

Foto: Reuters/Stringer

Die Hälfte der Legislaturperiode ist bald herum, aber das von Männern dominierte türkische Parlament hat es jetzt doch geschafft: Die 78 weiblichen Abgeordneten müssen nicht länger "tayyör" tragen, wenn sie ins Plenum kommen - das Damenkostüm, wie es auf Türkisch heißt. Von nun an darf es auch Hose und Sakko sein.

Eine entsprechende Änderung der Geschäftsordnung hat ein Parlamentsausschuss am Mittwoch angenommen. Nach den Wahlen 2011, bei denen ein Drittel mehr Frauen ein Abgeordnetenmandat erhalten hatte, war ein solcher Vorstoß zur Änderung der Kleiderordnung noch gescheitert. Neben Hosen könne man ja auch gleich Kopftücher erlauben, fiel den konservativen Männer von der regierenden AKP und der rechtsnationalistischen MHP ein. Dagegen wehrte sich wiederum die sozialdemokratische Opposition.

Nun aber verzichtete die Partei von Premier Tayyip Erdogan auf einen Satz zum Kopftuch in der Geschäftsordnung. Und genau genommen hatte der Kleider-Artikel 56 das muslimische Kopftuch für Frauen auch nie ausdrücklich im Parlamentsplenum verboten. Doch in der Türkei ist Kleidung hohe Politik.

Kopftuchverbot gelockert

Seit jeher wird in der türkischen Republik um den Laizismus gestritten, die Trennung von Staat und Religion, und wie er für jedermann sichtbar gemacht werden soll. Kopftuch im Parlament geht also gar nicht. Ebenso wenig im Gerichtssaal, im Hörsaal, im Spital oder auf irgendeinem Amt des Staates. Im Prinzip. Das Damenkostüm dagegen, vorgeschrieben für weibliche Abgeordnete, sollte den Einzug der Moderne in die Türkei demonstrieren, den Republikgründer Kemal Atatürk wollte. Frauen haben in der Türkei seit 1934 auch das passive Wahlrecht - nach Österreich, aber noch vor der Einführung in Frankreich.

Seither sind bekanntlich auch Hosen für Frauen modern geworden. Ähnlich aber hat sich in den liberalen Kreisen in der Türkei längst die Einsicht durchgesetzt, dass Kopftuchverbot und "Zwang zu moderner Kleidung", wie es Mustafa Akyol, ein Publizist und einer der Wortführer der politisch Liberalen, dieser Tage nannte, nicht automatisch ein Ausweis für demokratische Gesinnung sind.

So ist die Erlaubnis für weibliche Abgeordnete in Hosen im Parlament wohl in einem weiter gefassten Zusammenhang zu sehen: Schrittweise haben Regierung und Behörden in den vergangenen Jahren das Kopftuchverbot gelockert. Studentinnen dürfen es mittlerweile tragen, ebenso Schülerinnen im Koran-Unterricht. Anfang des Jahres hob das türkische Höchstgericht auch den Kopftuch-Bann für Anwältinnen im Gerichtssaal auf. (Markus Bernath, DER STANDARD, 12.4.2013)