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Stefan Heym (13. 4. 1913 - 16. 12. 2001) mit seiner Frau Inge  (Archivfoto 1998).

Foto: apa / dpa / Stefan Link

"Mit allem, was ich schreibe, trete ich für den Sozialismus ein", betonte Stefan Heym 1973 im Gespräch. "Ich bin davon überzeugt, dass der Sozialismus, wenn auch nach mannigfaltigen Irrwegen und Konflikten und Widersprüchen, am Ende doch jene Gesellschaftsordnung ist, die sich auf der ganzen Welt durchgesetzt haben wird."

Das Bekenntnis zum Sozialismus bestimmte Heyms Leben und sein Schreiben. Als er 1952 aus den USA in die DDR übersiedelte, wertete er dies als einen für sein literarisches Schaffen außerordentlich wichtigen Schritt. Bis dahin habe er Bücher geschrieben, die sich mit den Konflikten innerhalb des kapitalistischen Systems beschäftigten und über die schon viel geschrieben worden sei. Doch als er in den Sozialismus gekommen sei, fühlte er sich "in der Situation eines Pioniers, der ein kaum erforschtes Territorium betritt". Dass die Bücher, in denen er sich diesem neuen Territorium widmete, großteils nur im Westen erscheinen konnten, wo er zum meistgelesenen DDR-Autor avancierte, änderte nichts an seiner Überzeugung. Heym blieb in der DDR und hielt als kritischer Marxist fest am Sozialismus - auch über das Ende der DDR hinaus.

Diese Unbeugsamkeit ist die zweite Konstante in seinem Leben und Schreiben. Bereits mit 16 Jahren wurde er in Chemnitz, wo er unter dem Namen Helmut Flieg als Sohn eines jüdischen Kaufmanns aufwuchs, wegen eines antimilitaristischen Gedichts vom Gymnasium geworfen. "Wir exportieren! Wir exportieren! Wir machen Export in Offizieren!", dichtete er damals. Nachzulesen ist das Gedicht in dem Band "Ich aber ging über die Grenze", den Inge Heym zum 100. Geburtstag ihres Mannes zusammenstellte. Er enthält Heyms Gedichte aus den Jahren 1930 bis 1936, in denen er gegen den Nazismus aufbegehrte.

Auch während er in Berlin Philosophie studierte, veröffentlichte er regelmäßig politische Gedichte, von denen einige sogar in Carl von Ossietzkys "Weltbühne" erschienen. Am Tag nach dem Reichstagsbrand vom 28. Februar 1933 floh er nach Prag. Aus Rücksicht auf seine Familie legte er sich das Pseudonym "Stefan Heym" zu. Bruno Frei, einer der Gründer des "Gegenangriff", erinnerte sich später, wie im Winter 1933 "ein knabenhafter junger Mann" in der Redaktion erschien und ein Gedicht brachte, "in dem die Angstträume Görings besungen wurden".

1942 veröffentlichte Heym - mittlerweile in den USA - seinen ersten Roman "Hostages" (dt. "Der Fall Glasenapp", 1958 erschienen) über den Widerstand in dem von den Nazis besetzten Prag. Heym widmete ihn seinem Vater, der sich, von den Nazis gedemütigt, 1935 das Leben genommen hatte. Der Roman erregte weithin Aufmerksamkeit. Er rückte Heym in das Interesse der literarischen Öffentlichkeit.

Seine Erfahrungen als US-Soldat während der Invasion in die Normandie, des Vormarsches durch Frankreich und der Besetzung Deutschlands verarbeitete Heym in "Crusaders", das 1950 in der DDR unter dem Titel "Kreuzfahrer von heute" und in Westdeutschland unter dem Titel "Der bittere Lorbeer" herauskam. Es machte Heym international bekannt und gilt immer noch als einer der bedeutendsten Romane über den Zweiten Weltkrieg.

Heym war nicht nur Chronist seiner Zeit. Er wollte mit seinen Texten Wirkung entfalten, Ideen vermitteln, wie man die Welt verbessern könnte. Heym versuchte es immer wieder, besonders in der DDR. Nicht freiwillig hatte es ihn ins Land seiner Geburt zurückgezogen. "Nach Deutschland! - selbst in das andere, bessere Deutschland" drängte es ihn nicht, schrieb er 1988 in seiner Autobiografie "Nachruf". "Unter diese Deutschen, die er vorbeimarschieren sah in schönem Gleichschritt vor Hitler und die er, nachdem sie geschlagen waren, vor sich gehabt hat in all ihrer Jämmerlichkeit", wollte er sich nicht begeben. Aber als er sich in der McCarthy-Ära und aus Protest gegen den Koreakrieg gezwungen sah, die USA zu verlassen, und seine Asylanträge für die CSSR und die Volksrepublik Polen abgelehnt wurden, blieb ihm als Refugium jenseits des Eisernen Vorhanges nur die DDR. Seine militärischen Auszeichnungen sowie die Staatsbürgerschaft schickte er in einem offenen Brief an den US-Präsidenten zurück.

Was ihn in der DDR erwartete, war eine skurrile Mischung aus Privilegien, permanenter Kritik und Schikanen. Die Veröffentlichung seiner Bücher wurde behindert oder gar verboten. Eines der ersten für Heym traumatischen Erlebnisse in der DDR waren die Ereignisse im Juni 1953, als sich Arbeiter gegen den Arbeiterstaat erhoben. "Sie haben mich so beeindruckt, dass ich einen dicken Roman mit dem Titel 'Fünf Tage im Juni' darüber schrieb", erzählte er. 1959 war der Roman fertiggestellt, aber an eine Veröffentlichung nicht zu denken.

Auch "Die Architekten", entstanden Mitte der 1960er-Jahre, eine Art Untergangsepos der DDR, das die Geschichte deutscher Kommunisten erzählte, die Stalin an Hitler auslieferte, erschien erst zehn Jahre nach dem Ende der DDR. Als Heym, der seine Bücher bis 1972 auf Englisch schrieb, 1999 die Übersetzung vornahm, war er selbst überrascht: "Da konnte ich nun nachlesen, wieso dieser Staat zugrunde gehen musste."

Für "Collin", einen Roman über den Umgang des Staatssicherheitschefs mit einem kommunistischen Schriftsteller, der 1981 im Westen erschien, wurde Heym "wegen Devisenvergehens" zu einer hohen Geldstrafe verurteilt. Dieses Zensurinstrument war 1979 verabschiedet worden, um Schriftsteller zu bestrafen, die ohne Genehmigung des Büros für Urheberrechte ihre Texte außerhalb der DDR publizierten. Heym war eines der ersten Opfer.

In der Folge wurde er aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen und durfte nicht mehr reisen. Bis zum Ende der DDR standen er und seine Familie unter schärfster Überwachung durch die Staatssicherheit. Bücher wie "Lassalle", "Ahasver" oder seine Autobiografie konnte Heym nur im Westen veröffentlichen. Eine Ausnahme bildete der Roman "Die Papiere des Andreas Lenz", der 1963 in der DDR und 1965 im Westen unter dem Titel "Lenz oder die Freiheit" herauskam.

Heyms literarische Arbeit blieb von diesen Querelen unbeeinflusst. "Nie nahm er ein Blatt vor den Mund, hatte er doch sein Leben lang keinem Staat erlaubt, sein Denken zu beeinflussen", schrieb Christoph Hein in dem Erinnerungsband "Ich habe mich immer eingemischt", den die Literaturwissenschafterin Therese Hörnigk zu Heyms 100. Geburtstag herausgab. Für Heym hat ein Schriftsteller die Pflicht auszusprechen, was ist. 1995 folgte er in dem Roman "Radek" den Spuren des KPD-Politikers Karl Radek, der 1919 aus Berlin ausgewiesen, in der Sowjetunion wegen seiner Opposition gegen Stalin verbannt und in einem Schauprozess verurteilt wurde.

Die Aufrichtigkeit ist die dritte Größe in Heyms Werk. Ungeachtet ihrer sozialistischen Perspektive, beschäftigen sich seine Bücher mit grundlegenden menschlichen Konflikten und Widersprüchen. Das macht sie bis heute lesenswert und erklärt ihre dauerhafte Präsenz auf dem Markt. "Dissident auf Lebenszeit" betitelte der britische Germanist und Vorsitzende der Internationalen Stefan-Heym-Gesellschaft Peter Hutchinson 1999 treffend seine Studie über Heym. Unter allen Staatsformen, unter denen er gelebt hatte, war er mehr oder weniger außerhalb gestanden.

Mit der Bundesrepublik vermochte er sich nicht zu identifizieren, und das Verhalten der Regierungskoalition während seiner Rede als Alterspräsident des Bundestages 1994 war nicht dazu angetan, ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Eine andere DDR hatte er sich gewünscht: "Ich hatte Angst, dass der Versuch, in Deutschland einen sozialistischen Staat zu begründen, misslingen könnte. Meine Bemühungen aber richteten sich bis zum Ende darauf hin, die DDR zu erhalten, allerdings eine andere DDR."

Nach dem Fall der Mauer hatte er auf dem Berliner Alexanderplatz eine Rede über "den neuen, den besseren Sozialismus in der DDR" gehalten. Aber alle seine Hoffnungen auf eine sozialistische Alternative zur Bundesrepublik wurden enttäuscht. Die DDR verschwand. "Natürlich haben die Kapitalisten heute eine viel größere Macht als je zuvor. Aber werden sie ein gerechteres Leben schaffen für alle?", fragte er 2000 im Gespräch. Ob ihm bewusst war, wie prophetisch seine Worte waren? Ein Jahr darauf starb er während einer Lesereise in Israel.  (Adelbert Reif, Album, DER STANDARD, 13./14.4.2013)