STANDARD: Laut ÖVP-Justizministerin Beatrix Karl hat die von FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache vergangenen September auf Facebook veröffentlichte Karikatur, die einen Banker mit Hakennase und Davidsternen zeigt, nicht "die Gesamtheit der Juden" gemeint. Daher sei sie nicht verhetzend, was man im Ministerium auch ohne Expertengutachten erkannt habe. Was sagen Sie dazu?

Wodak: Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Experte für vorurteilsbeladene Karikaturen die antisemitischen Versatzstücke in der Zeichnung nicht erkannt und benannt hätte. Solche Versatzstücke sind traditionelle optische Motive, die eine Gruppe als Ganzes charakterisieren und herabwürdigen. Bei Muslimen ist es etwa die gefährliche Burkafrau, bei den Juden die hässliche, bucklige Gestalt mit der großen Nase - so wie auch auf dieser Karikatur, die antisemitische Karikaturen seit mindestens Mitte des 19. Jahrhunderts zitiert. Ich frage mich, wie offensichtlich das noch hätte dargestellt sein müssen.

STANDARD: Karl sagt, dass vor allem der Text zur Karikatur gegen den Verhetzungsvorwurf spricht. Darin übe Strache nur Kritik am Regierungsbeschluss für den Eurorettungsschirm. Wie finden Sie das?

Wodak: Ich verstehe das nicht, denn auch der Text enthält antisemitische Stereotype. Da steht etwa, dass "hart erwirtschaftetes österreichisches Steuergeld in Richtung der EU-Bankenspekulanten verteilt" werde - und die Zeichnung zeigt eine vor dem Banker buckelnde Regierung. Das entspricht der uralten Vorstellung vom jüdischen Finanzkapital, der jüdischen Weltverschwörung gegen eine machtlose Regierung und das arme, gedemütigte Volk.

STANDARD: Woher kommen diese antisemitischen Verschwörungstheorien? Warum halten sie sich?

Wodak: Es gibt sie seit Jahrhunderten, und sie sind immer wieder mit Diskriminierung und Verfolgung der Juden verbunden gewesen. Im österreichischen Kaiserreich etwa durften Juden jahrhundertelang kein Land besitzen, waren beruflich also auf Handel und Geldgeschäfte beschränkt. Erst 1848 gab es Niederlassungsfreiheit und freie Berufswahl. Die Ausgrenzung hat sich tief in die europäische Vorstellungswelt eingefräst - und wurde von den Nationalsozialisten dann auf die Spitze getrieben.

STANDARD: Wie gefährlich ist es, wenn Strache stereotype Bilder von gierigen jüdischen Bankern verwendet? Die Banken stehen international ja stark in der Kritik.

Wodak: Strache zündelt mit alten Vorurteilen gegen Juden, nämlich dass alle Juden reich und mächtig wären und alle Banker Juden. Diese antisemitische Kapitalismuskritik hat, wie auch eingehende Studien zeigen, seit Beginn der Krise nicht nur in Österreich Hochkonjunktur.

STANDARD: Glauben Sie, dass Derartiges in Österreich auf fruchtbaren Boden fällt?

Wodak: Das ist jedenfalls zu befürchten, weil es hierzulande auf kollektive Erinnerung zurückgreift. Damit wird der synkretische Antisemitismus befördert, der sich ab 1945 herausgebildet hat, einer, der nicht mehr rassisch argumentiert, sondern für den, je nach Bedarf und Kontext, antijüdische Stereotype hervorgeholt werden. Das heißt, wenn ein Sündenbock gebraucht wird, werden Juden dafür verwendet. Das kann auch mit einer Hetze auf Muslime und Roma einhergehen.

STANDARD: Hat sich der Antisemitismus als solcher dadurch abgeschwächt?

Wodak: Nein, er ist nur in der Öffentlichkeit kodiert und dadurch indirekter geworden.

STANDARD: In Ungarn hingegen manifestiert sich der Antisemitismus derzeit ganz direkt - ist das ein rein ungarisches Problem?

Wodak: Derzeit schon - und noch. In Ungarn treten sowohl der nationalistische als auch der rassische sowie der christliche Antisemitismus wieder offen hervor. Ich befürchte, dort wurde trotz eines offiziellen Antifaschismus vor dem Fall des Eisernen Vorhangs nicht ausreichend bearbeitet, dass im Jahr 1944 400.000 ungarische Juden binnen weniger Wochen ins Vernichtungslager Auschwitz gebracht wurden.

STANDARD: Daher jetzt die starke Judenfeindlichkeit?

Wodak: Das spielt sicher eine Rolle und nutzt jetzt vor allem den Nationalisten und der rechtsextremen Jobbik-Partei. (Irene Brickner, DER STANDARD, 18.4.2013)