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Eine falsche Formel in einer Excel-Tabelle könnte Mitverursacher der strikten Sparmaßnahmen sein, die politisch vielerorts in den letzten Jahren durchgesetzt wurden.

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Das 2010 erstellte Paper "Growth in a Time of Debt" (PDF) (frei übersetzt: "Wachstum in der Schuldenzeit") der Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff gehört, insbesondere in konservativen Politiker- und Medien-Kreisen, zu den vielzitiertesten Werken der letzten Jahre. Selbst Paul Ryan, der als Running Mate des republikanischen US-Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney dessen Wirtschaftskonzepte präsentierte, hatte Bezug darauf genommen.

Umstrittene Theorie

Die Arbeit stellt einen Zusammenhang zwischen hoher Staatsverschuldung und niedrigem Wirtschaftswachstum her und dient damit als Rechtfertigung für Austeritätspolitik, die drastische Kürzung von Staatsausgaben, wie ArsTechnica erläutert.

Reinharts und Rogoffs Theorie gilt als umstritten. Viele ihrer Kollegen sind der Ansicht, dass dier Zusammenhang genau umgekehrt funktioniert: Nicht hohe Staatsverschuldung senkt das Wirtschaftswachstum, sondern schwaches Wirtschaftswachstum treibt die Schulden nach oben.

Verkalkuliert

Grundsätzlich wurden die Zahlen des Papers allerdings nicht angezweifelt, obwohl dieses die Quelldaten nicht enthält. Thomas Herndon, Michael Ash und Robert Pollin von der University of Massachussetts haben nun versucht, die Berechnungen zu reproduzieren – was ihnen nicht gelang. Also forderten sie die originalen Berechnungstabellen von Reinhart und Rogoff an. Das fertige Werk legt nahe, dass das "Pro-Austeritäts-Papier" möglicherweise auf schweren Fehlern basiert.

In der originalen Excel-Tabelle findet sich nämlich ein einfacher Formelfehler mit großer Wirkung. In einer Spalte sollte der Durchschnitt aus dem BIP von zwanzig Ländern errechnet werden, tatsächlich wurden aber nur 15 erfasst. Statt dem Befehl "Average(L30:L49)" fand sich im Resultatsfeld die Formel "Average(L30:L44)".

Seltsamer Vergleich

Auch im weiteren Umgang mit den Daten finden sich Merkwürdigkeiten. Für manche Länder wurde die Wirtschaftsentwicklung unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg von der Berechnung ausgenommen, andere nicht. Eine Begründung bleibt die Arbeit schuldig.

Zudem wird die Gewichtung teils sehr eigen gehandhabt. So stellt man etwa die Phase hoher Staatsverschuldung bei mittlerem Wirtschaftswachstum von 1946 bis 1964 einem einzelnen Jahr gegenüber, in welchem die Schuldenquote von Neuseeland über 90 Prozent lag.

Kein Negativwachstum

Bügelt man diese drei Probleme aus und nimmt eine Neuberechnung vor, verzeichnen zwar immer noch alle Länder mit einer Schuldenquote von´unter 30 Prozent ein höheres Wirtschaftswachstum von im Schnitt 4,2 Prozent, sie dreht sich bei stärker verschuldeten Ländern jedoch nie ins Negative, wie es im Paper von Reinhart und Rogoff vorgerechnet wurde.

Länder mit einer Schuldenquote von über 90 Prozent erreichten immer noch ein Wirtschaftswachstum von durchschnittlich 2,2 Prozent jährlich und nicht -0,1 Prozent, wie "Growth in a Time of Debt" noch festgestellt hatte. Paul Krugman, ein bekannter Gegner der Sparpolitik, hat sich mittlerweile erfreut zu Wort gemeldet. Reinhart und Rogoff blieb nichts anderes übrig, als bei der Verteidigung ihres Werkes einen Berechnungsfehler einzugestehen. Der Vorfall hat nun einen veritablen Streit unter Ökonomen verschiedener Denkschulen ausgelöst.

Die Ergebnisse legen nahe, dass das Argument, hohe Staatsverschulden mit allen Mitteln zu vermeiden, um die Wirtschaft nicht schrumpfen zu lassen, so nicht haltbar ist. Ob die Arbeit von Reinhart und Rogoff tatsächlich großen Einfluss auf die europäische und amerikanische Wirtschaftspolitik der letzten Jahre hatte, lässt sich freilich nicht ermitteln. Notierenswert ist auch, dass das Paper der beiden Ökonomen zwar als Artikel im American Economic Review erschienen ist, aber nie einem Peer Reviewing unterzogen wurde – während diesem die Fehler in der Tabellenkalkulation wahrscheinlich aufgefallen wären.

Nicht die erste Excel-Panne

Excel, das in Wirtschaftskreisen als nützliches Hilfsmittel sehr oft verwendet wird, ist an der Berechnungsmisere natürlich nicht alleine Schuld. Doch die generell unübersichtliche Arbeit mit Tabellenkalkulationen birgt definitiv Risiken. So dürfte das manuelle Abschreiben aus Arbeitsbüchern und eine Reihe von Formelfehlern dazu beigetragen haben, dass die Investmentbank JPMorgan Risiken unterschätzt und Banker Bruno Iksil, der "Wal von London", 6,2 Milliarden Dollar an Verlusten beschert hatten.

Eine Zusammenfassung der Probleme von "Growth in a Time of Debt" findet sich bei Rortybomb. (red, derStandard.at, 18.04.2013)