Unter den fünfzig bis sechzig Büchern, die ich im Jahr lese – und ich lese nur noch Bücher, die mir gefallen –, ist manchmal eines dabei, bei dem ich nach wenigen Seiten die Luft anhalte und ich nur noch zögerlich umblättere, damit mir nichts entgeht von der Kraft und der Magie des Textes.

Monika Helds "Der Schrecken verliert sich vor Ort" ist so ein Buch, angefangen mit großer Skepsis, atemlos weitergelesen, weinend beendet. Die Story ist rasch erzählt: Heiner und Lena lernen sich während eines Gerichtsprozesses in Frankfurt kennen, wir schreiben das Jahr 1965. Heiner erleidet einen Schwächeanfall im Gang des Gerichtes, die Übersetzerin Lena kümmert sich um ihn, versorgt ihn mit Wasser und Schokolade. Der unspektakuläre Anfang einer Liebesgeschichte.

Doch die Geschichte von Heiner und Lena ist alles andere als normal: Der Prozess in Frankfurt war das erste Gerichtsverfahren gegen die SS-Aufseher von Auschwitz, und Heiner tritt als einer der Zeugen auf. Er war Häftling mit der Nummer 63.387 und hat das Lager überlebt. "Heiner" aus Wien gab es wirklich. Monika Held lernte ihn über den Verein Auschwitzer und ihre Freunde kennen und verbrachte viele Stunden mit ihm.

"Heiner" ist längst tot, und Monika Held hat hat seine Geschichte in einen Roman gepackt, der ihr wahrscheinlich nicht leichtgefallen ist. Das Buch verlangt auch dem Leser einiges ab – durch Heiners Erinnerungen wird der Lageralltag  geschildert, der Stehbunker, die Bogner-Schaukel, die Willkür der SS-Aufseher. Doch Häftling Nr. 63.387 hat wie durch ein Wunder überlebt, obwohl in seinem Schutzhaftbefehl R.U. –  Rückkehr unerwünscht – stand. Zwanzig Jahre später trifft er auf Lena und versucht an ihrer Seite ein "normales" Leben zu führen.

Erträglich wird die Geschichte durch die Perspektive, die Monika Held gewählt hat: Wir blicken oft durch Lenas Augen auf diesen traurigen und liebenswerten Mann: entsetzt und erschüttert, voller Liebe und Mitleid, aber auch mit Unverständnis, denn das, was zwischen Heiner und seinen Kameraden läuft, kann man nicht verstehen, wenn man ihre Geschichte nicht erlebt hat.

Er macht es ihr nicht leicht, und sie wandelt oft auf dünnem Eis: Verständnis und Empathie sind eine Sache, doch neben Heiner einen Platz zu finden, sich nicht völlig in seiner Geschichte aufzulösen, die andere. "Der Schrecken verliert sich vor Ort" ist viel mehr als ein Roman über das Leben nach Auschwitz, es ist ein berührendes Zeitdokument und eine provozierende Auseinandersetzung mit dem Unbegreiflichen.

Die behutsame Sprache von Monika Held macht es möglich, sich in diese Abgründe zu begeben. "Monika Held nimmt mich mit an einen Ort, den ich ohne sie nicht betreten würde. Beschützt von ihr, wage ich diese Reise." Diesen Sätzen aus dem Nachwort von Margarete Mitscherlich ist nichts hinzuzufügen.  (Petra Hartlieb, Album, DER STANDARD, 20./21.4.2013)