Die Leute wollen immer das Überdurchschnittliche. Sie wollen keine Stars, sondern Superstars, keine Models, sondern Supermodels, keine Menschen, sondern Supermenschen.  

Diesem Drang nach Höherem hat sich jetzt auch die Post angeschlossen. Bis zum 28. April (Save the Date!) haben Postkunden die Gelegenheit, die Postlerinnen und Postler in ihrem Umfeld genauer unter die Lupe zu nehmen und danach den "Superpostler" zu küren. Im Internet haben sich die Anwärter schon in Stellung gebracht.  Der Vorarlberger Andreas Hajek etwa, Postler "mit Leib und Seele", kennt jeden seiner Kunden persönlich und weiß: "Im Kleinwalsertal läuft es ganz anders ab als in der Stadt: Ich befülle keine anonymen Blechkästen." 

Die Superpostler-Aktion wirft die interessante Frage auf, was denn nun den Unterschied ausmacht, der einen Superpostler aus der – gewiss ebenfalls schätzenswerten – Schar der Normalpostler heraushebt. Die Postkunden werden in den kommenden Tagen sicherlich ein scharfes Auge auf die Postler bei ihrer  Berufsausübung richten, um die Postler des Herzens aus den Wald-und-Wiesen-Postlern her auszusortieren. Sehen wir uns doch die Dame am Postschalter  an: Drückt sie den Stempel charmant und leichthändig auf die Einzahlungsbestätigung, oder tut sie es mit einem ingrimmigen Knallen, welches womöglich auf  einen gewissen Verdruss am Kunden schließen lässt?    

Wie macht sich der Postler morgens am Hausbriefkasten zu schaffen? Ist das ein bloß sachliches, oder ein liebevoll-beschwingtes Hineinstecken und Herumdrehen des Generalschlüssels? Befördert der Postler den Brief emotionslos ins Brieffach, oder expediert er ihn mit einem neckischen Fingerschnipser, als wollte er dem Poststück sagen: "Adieu, du kleines Poststück, du! Richte deinem Herrchen und Frauchen einen lieben Gruß von mir aus!"

Wie professionell reagiert der Postler, wenn sich der Hofhund in ihn verbeißt? Mürrisch und selber verbissen? Oder nimmt er den Pitbull in seinem Oberschenkel schmunzelnd zur Kenntnis? "Nicht der Rede wert, ist doch nur ein kleiner Betriebsunfall!" Täte er dies, so hätte er den Titel eines Superpostlers wohl verdient, wenn nicht gar den eines Mega- oder Gigapostlers. Wir sehen den Ergebnissen des 28. April jedenfalls mit der größten Spannung entgegen.   (Christoph Winder, Album, DER STANDARD, 20./21.4.2013)