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Die Furcht der Tochter (Dorothee Hartinger) vor dem strafenden Vater (Peter Simonischek): Schauspielkunst auf Kleists Spuren. 

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Kleists Novelle dient als Ausgangsmaterial, Bruckners Stück denkt das Thema weiter.

Wien - Die Schändung der Marquise von O. währt in Heinrich von Kleists Novelle einen Gedankenstrich lang. Die ehrbare Dame gerät in andere Umstände. Sie gibt eine Annonce in der Zeitung auf, da sie an die Unbeflecktheit ihrer Empfängnis nicht glauben kann. Gesucht wird der Vater ihres Kindes. Dem Beglücker wird prompt die Heirat in Aussicht gestellt.

Im Wiener Akademietheater spielt man Ferdinand Bruckners (1891-1958) Bühnenfassung. Sie verhält sich zum Original wie ein Postskriptum. Bruckner "verbessert" seinen Kleist nicht, aber er zieht ihm den Stachel. Apropos: Den verhängnisvollen Gedankenstrich hat Bruckner vor den Beginn des Dramas gesetzt.

Es herrscht undurchdringliche Nacht in Preußen, ehe das Glühlicht anspringt. Die Marquise (Dorothee Hartinger) liegt schlummernd auf dem Teppich ausgestreckt. Der über sie gebeugte Hauptmann (Oliver Masucci) stopft hastig das Hemd in die Hose. Verächtliches passierte in jenem Augenblick, da westfälisches Militär das preußische Familienanwesen stürmte.

Bruckner verlegt die Handlung aus Italien in den deutschen Norden. Die Truppen Jérôme Bonapartes erzwingen 1812 den Durchmarsch nach Moskau. Den deutschen Landsleuten wird furchtbare Gewalt angetan. Aber es existiert noch ein anderes Geheimnis: Ausstatter Johannes Schütz hat es in die schwarze Durchsichtigkeit der hohen, schrägen Räume mit hineinverpackt.

Die O. und ihre Eltern sind Kriegsversehrte, Opfer einer jahrhundertelangen Auszehrung. Es braucht allerdings Zeit, bis man begreift, dass Regisseur Yannis Houvardas einen Gespensterball inszeniert hat. Kaum haben sich die ineinander Verstrickten voneinander gelöst, eilt die Mutter (Andrea Clausen) herzu. Sie, eine Musiknärrin, ängstigt sich um den Zustand ihrer Violine. Das Befinden des ohnmächtigen Töchterleins: egal. Der Hauptmann horcht sie lauernd aus (Masucci auf dem Gipfel seiner Kunst): ob sie etwas von einem Übergriff bemerkt habe? Auch der Vater könnte ja tot unten im Flur liegen.

Die gewöhnlichen Sorgen lebendiger Menschen zählen hier, im düsteren Totenhaus, alle nichts. Man muss es so sagen Des Hauptmanns Beitrag zur Schwangerschaft der O. stellt den einzigen nennenswerten Beitrag zur Revitalisierung dar. Hartinger aber gleitet zäh und mit Engelsgeduld durch diese Ansammlung lebender Toter. Ein wahrer Hades ist der Vater (Peter Simonischek). Ihm gilt die "Schändung" des Sprachraums durch Napoleons Verbündete als die eigentliche Vergewaltigung.

Dieser düstere Mann ernährt sich von Abstraktionen. Als er von der Notlage seiner Tochter hört - sie hat den schüchternen Verehrer aus der Nachbarschaft (Dietmar König) bereits abgewiesen -, verlangt er von ihr die Gespenstwerdung. Simonischek spricht seine vernünftig klingenden Sätze mit der bösen Eindringlichkeit eines Erzpriesters. Diese und ein paar andere Szenen der Marquise von O. gehören mit zum Besten, was die laufende Burg-Saison zu bieten hat.

Als der Hauptmann vom Russlandfeldzug zurückkehrt, reicht ihm die O. Kalbfleisch. Er glaubt, mit offenen Armen empfangen zu werden. Sie lacht noch nicht einmal höhnisch. Da er ihr Retter gewesen sei, könne sie sich nicht denken, dass er sich niedrig gegen sie benommen habe.

Große, nur höflich akklamierte Kunst. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 22.4.2013)