Zur Hitze der Nacht kam die vokale Schwüle auf der Bühne: Als Melody Gardot letzten Juli in der Staatsoper die Bossa-Nova-, Flamenco- und Fado-getönten Songs ihres dritten, 2012 veröffentlichten Albums The Absence intonierte, dabei mit zugleich manieriert und doch verletzlich anmutendem Vibrato das unerschöpfliche Thema zwischenmenschlicher Irrungen und Wirrungen verhandelte, da bereitete sie dem Jazzfest Wien einen heftig akklamierten Höhepunkt. Songs wie Mira, Amalia und als Zugabe auch Gershwins Summertime wurden mit verführerischer Delikatesse zelebriert. Daran erinnert man sich gerne, wenn Melody Gardot nun die Stadthalle beehrt. Ins Gedächtnis rufen sollte man sich freilich auch, dass der Weg der 28-jährigen Sängerin aus New Jersey kein leichter war.

Gardot studierte am Community College in Philadelphia Modedesign, ehe ein Verkehrsunfall sie im November 2003 aus der Bahn warf. Ein Auto missachtete den Vorrang der Radfahrerin. Gardot erlitt schwere Verletzungen und verbrachte eineinhalb Jahre im Spital. Bis heute leidet sie an Lichtempfindlichkeit, Migräne und geht am Stock. Um ihr Gedächtnis wiederzuerlangen, wurde sie musiktherapeutisch behandelt: Es war dies der unbeabsichtigte Startschuss einer internationalen Karriere. Als Gardot, die schon als Jugendliche hin und wieder in diversen Clubs im Raum Philadelphia aufgetreten war, 2008 ihr Debüt Worrisome Heart vorlegte, horchte die Musikwelt auf angesichts der zarten, sich mehr in Andeutungen als in expressiven Ausbrüchen ergehenden und mit einer wohligen Prise Decadénce versehenen Stimme.

Im Rahmen des aktuellen Albums The Absence gibt sich Melody Gardot nun als Weltenbummlerin, die die Klänge der Straßen Lissabons, der Tango-Bars Argentiniens und der Strände Brasiliens auf ihre Weise reflektiert. (felb, DER STANDARD, 23.4.2013)